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Michael Neander's pädagogische Erfahrungen und Grundsätze, nach einer Handschrift der Ilfelder Klosterbibliothek / herausgegeben von Dr. R. Müller
Entstehung
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V

Grafen zu Stolberg und den Herzögen von Braunſchweig, bei denen ſich ſeit der Zeit Heinrich des Löwen die Lehnsherrſchaft über Hohnſtein, wenn auch in unruhigen und wilden Zeiten öfters verdunkelt und angegriffen, ſtets erhalten hat. Zwar wagten die Grafen damals noch nicht den Plan des mit Beobachtung aller geſetzlichen Formen gewählten Abtes zu durch⸗ kreuzen, oder irgendwie in die Verwaltung des Kloſters einzugreifen, aber vergebens waren alle Anſtrengungen des Greiſes, von ihnen ein bindendes Verſprechen zu erhalten, wodurch der Fortbeſtand der Schule auch nach ſeinem Tode geſichert wäre, ein Wunſch, auf deſſen Erfüllung ſich ſein ganzes Dichten und Trachten um ſo mehr richtete, als er ſah, wie ſeine Schöpfung, die anfangs nur ein verkümmertes Leben gefriſtet hatte, unter der geſchickten Leitung Michael Neander's, den er im Jahre 1550 von Nordhauſen berufen hatte, raſch und fröhlich auf⸗ blühte, ſo daß der Ruf Ilfelds ſich bald durch ganz Deutſchland verbreitete. Von der richti⸗ gen Einſicht geleitet, einen Würdigeren nicht wohl finden zu können, ernannte er Neander zu ſeinem Nachfolger und nahm ihm noch auf dem Todtenbette das Verſprechen ab, nicht von Ilfeld zu weichen, ſondern, ſo lange es ſeine Kräfte erlaubten, für das Wohl der Schule und des Kloſters arbeiten zu wollen, ein Verſprechen, das dieſer mit einer Treue und Feſtigkeit erfüllte, die mit dem unſteten und friedloſen Weſen ſo mancher hervorragender Männer ſeiner Zeit anf's ſtärkſte contraſtiren. Freilich ſtürzte er ſich damit auch in ein Meer von Schwie⸗ rigkeiten und Gefahren. Denn kaum hatte ſich die Gruft über dem letzten Abt von Ilfeld ge⸗ ſchloſſen, ſo ſtreckten ſich ſchon die beutegierigen Hände der benachbarten Grafen und Herren nach den, wie ſie meinten, herrenloſen Kloſtergütern aus. Es war ein harter Kampf, den Neander zu beſtehen hatte, aber er ging mit Ehren daraus hervor. Nicht geſchreckt durch die brutalen Drohungen und Gewaltſchritte der Grafen von Schwarzburg, nicht eingeſchüchtert durch die ſchwankende und zweideutige Haltung der Grafen von Stolberg, nicht beirrt durch die ängſt⸗ lichen Bitten ſeiner Freunde und Verwandten, nicht gelockt durch die glänzendſten Anerbietungen, die ihm von verſchiedenen Seiten gemacht wurden, blieb er ſeinem Worte treu und führte ſeine und des Kloſters Sache mit eben ſo viel Muth und Beharrlichkeit, wie Klugheit.*) Mit den Grafen zu Schwarzburg, die ſich ſofort nach dem Tode des Abts der in ihrem Gebiete liegenden Kloſtergüter bemächtigt, kam 1561, allerdings erſt nach unendlichen Mühen und Be⸗ ſchwerden, unter Vermittlung des Grafen Ernſt von Hohnſtein ein Vertrag zu Stande, der zwar manche harte und drückende Beſtimmung enthielt, aber doch dem Kloſter den ungeſchmä⸗ lerten Beſitz ſeiner Güter und Einkünfte ließ.*) b

Noch günſtiger ſchien ſich das Verhältniß zu den Grafen zu Stolberg geſtalten zu wollen, die ſich überhaupt nicht zu extremen Schritten hatten hinreißen laſſen. In Folge einer ſehr eindringlichen Vorſtellung Neander's⸗) ſtanden ſie nicht nur von dem Plane ab, ſich durch die Kloſtergüter zu bereichern, ſondern ſie fertigten ihm auch eine förmliche Beſtallung aus,*)

*) Leuckfeld Ant. IIfeld p. 112 ff. Klippel im Hannov. Magazin Jahrg. 1831 p. 786 ff. und in d. Deutſch. Lebensbilder p. 116 ff. **) Heydenreich Hiſtorie d. gräfl. Hauſ. Schwarzburg p. 170. ***) Leuckfeld a. a. O. p. 113.