IV
vielmehr bewahrte er bis in ſein hohes Alter eine ſo herzliche Liebe für ſeine Schüler und zeigte ein ſo bewundernswürdiges Verſtändniß des Geiſtes der Jugend, eine ſo opferwillige Hingebung und eine ſo jugendliche und feurige Begeiſterung für ſeinen Beruf, daß es der ausdrücklichen Zeugniſſe gar nicht bedarf, um zu wiſſen, mit welcher faſt abgöttiſchen Liebe und Verehrung ſeine Schüler zu dem Manne aufblickten, der ihnen nicht blos ein ausgezeich⸗ neter Lehrer, ſondern auch ein liebevoller Vater, ein gerechter Richter, ein weiſer Rathgeber und Warner und ein theilnehmender Tröſter war.*) Aber wenn man auch einräumt, daß einzelne betrübende Erfahrungen, die er als Lehrer gemacht, nicht ohne ungünſtigen Einfluß auf ſeine Stimmung geblieben, daß ferner ſeine mit den Jahren zunehmende Kränklichkeit ihm die Widerwärtigkeiten des Lebens in einem ſchlimmern Lichte erſcheinen ließ, als er ſie in ſeinen kräftigen Mannesjahren angeſehen hatte, ſo wird man doch wohl kaum irren, wenn man den Hauptgrund ſeines Kummers und ſeiner Verbitterung aus jenem eigenthümlichen Verhältniß herleitet, in dem er und das Kloſter Ilfeld zu dem Grafen von Stolberg ſtanden. Es wird um ſo nöthiger ſein, hierbei einen Augenblick zu verweilen, als ohne jenes Verhältniß die nachfolgende kleine Schrift wohl nie an das Tageslicht gekommen wäre(lagen doch Reflexionen über Gegenſtände, wie die in unſerm Aufſatz behandelten, an und für ſich jenem Zeitalter ganz fern), wenn auch die Beſchränktheit des Raumes gebietet, daß ich mehr andeutend als ausführend verfahre.
Als Thomas Stange,**) der letzte Abt des Prämonſtratenſer⸗Stiftes Ilfeld, nach ſchweren innern Kämpfen ſich um's Jahr 1546 entſchloß, das Kloſter zu reformiren und die Einkünfte deſſelben zur Gründung einer Schule zu verwenden, da war es nur zu natürlich, daß er im Gefühl der völligen Schutzloſigkeit zunächſt diejenigen für ſeinen Plan zu gewinnen ſuchte, in deren Gebiet das Kloſter ſelbſt und ein großer Theil ſeiner Güter lag, und in dem Beſtreben, die von allen Seiten bedrohten Einkünfte Ilfelds zu ſichern, beſonders von dem Grafen zu Stolberg, die im Anfang des 15. Jahrhunderts durch Kauf in den Beſitz der Grafſchaft Hohnſtein gekommen waren,**r) die Genehmigung zu dieſem Schritte zu erhalten ſtrebte. So verzeihlich ſein Verfahren wegen der ſtürmiſchen Zeiten, wo die geiſtlichen Gü⸗ ter ſo vielfach der Gewalt und Willkür preisgegeben waren, nun auch erſcheint, und zwar um ſo mehr, als es ſchon längſt ruchbar geworden, daß die Grafen zu Stolberg, zu Schwarzburg und von Hohnſtein †) übereingekommen waren, nur das Ausſterben der letzten Ordensperſon abzuwarten, um ſich der in ihren Gebieten liegenden Kloſtergüter zu be⸗ mächtigen, ſo war dies doch die erſte Veranlaſſung zu ſehr viel Unannehmlichkeiten für ihn ſelbſt und ſeinen Nachfolger, wie zu langwierigen und erbitterten Streitigkeiten zwiſchen den
*) S. d. Urtheile einiger berühmter Schüler Neanders bei Volborth Lobſchr. a. N. p. 74, u. vgl. die Menge Epicedien hinter Mylius Leichpredigt a. N.(Leipz. 1595). **) Vgl. d. Anhang sub 1. *) Hoche, Geſchichte d. Grafſchaft Hohnſtein p. 134. 1) Grafen von Hohnſtein ſchrieben ſie ſich, nachdem ſie ihre Stammbeſitzung unter Vorbehalt der Si⸗ multanbelehnung abgetreten und nur die Herrſchaften Lohra und Klettenberg behalten hatten.


