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Michael Neander's pädagogische Erfahrungen und Grundsätze, nach einer Handschrift der Ilfelder Klosterbibliothek / herausgegeben von Dr. R. Müller
Entstehung
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Einleitung.

Als dem ehrſamen Kaufherrn und Bürger der guten Stadt Sorau in Schleſien, Hans Neu⸗ mann, ſein Sohn Michael, den er im Geiſte ſchon als Nachfolger in ſeinem Geſchäfte er⸗ blickte, nach einem wiederholten Verſuche das Reiten zu lernen, eine Kunſt, die für den zu⸗ künftigen Handelsmann unerläßlich erſchien, blutend und mit gebrochenem Arme nach Haus zurückgebracht wurde, und er nun voll Unmuth ſeinen Lieblingswunſch aufgeben zu müſſen, in die unwilligen Worte ausbrach:Nur in ein Kloſter mit dir, du taugeſt nicht in die Welt!*) da ahnte er wohl kaum, daß derſelbe Knabe, den er als unbrauchbar für das practiſche Leben hingeſtellt hatte, ihn dereinſt als Adminiſtrator und Rector des Kloſters Ilfeld ſcherzend an ſeine zornige Weiſſagung erinnern und den Unfall ſegnen würde, der von ſo entſcheidendem Ein⸗ fluß auf ſein ganzes Leben geworden. Und wie uun bei dieſer Gelegenheit der Vater, der ſich noch nicht der landläufigen Vorſtellungen vom Kloſterleben entſchlagen konnte und von dem umfaſſenden Wirkungskreiſe ſeines Sohnes wohl kaum einen richtigen Begriff haben mochte, noch immer halb unwillig äußerte:Verfaule nur nicht in deinem Kloſter! da konnte Michael Neander(ſo war ſeine Name nach der Unſitte jener Zeit ſchon auf der Univerſität von Me⸗ lanchthon gräciſirt**) nicht genug die Vorzüge ſeiner Stellung, ſeine Freude am Lehren und ſein gutes Verhältniß zu vielen vornehmen Herren, namentlich den Grafen von Stollberg rühmen.*)

Es kam eine Zeit es iſt die, in welche die Abfaſſung der nachfolgenden Schrift fällt wo das freudige Gefühl der Zufriedenheit mit einer unter den mannichfaltigſten Hin⸗ derniſſen erkämpften und behaupteten Stellung, dem er früher mit berechtigtem Stolze und Selbſtbewußtſein Ausdruck geliehen hatte, faſt ganz von ihm gewichen war, ja wo er, ermüdet von allen den Drangſalen und Miüſhſeligkeiten, die auf ihn einſtürmten, verbittert durch die kleinlichen und hämiſchen Angriffe, die gegen ihn gerichtet wurden, den Tag verwünſchte, an welchem er Ilfeld zuerſt mit Augen geſehen.

Nicht als ob Neander in ſeiner Wirkſamkeit als Lehrer Erfahrungen gemacht hätte, die ihm Ilfeld in ſolchem Grade verleideten und in dem ſo geiſtigfriſchen und thatkräftigen Manne jene trübe Weltanſchauung emporkommen ließen, die in ſeinen ſpätern Schriften ſo häufig durchbricht,

*) Neandr. Ethice p. 254 und Orb. terr. expl. p. 36. **) V. Mylius Leichpredigt auf Neander p. 26. *) Neandr. orb. terr. expl. p. 37.