Jahrgang 
1874
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lokale, die der Pontus vermöge ſeiner eigenen Hilfsquellen ſtets haben mußte, weit hinausging. Die Ge⸗ nueſen wandten ſo überwiegend ihre Kräfte der Pflege des pontiſchen Handels zu, daß ſie darüber im ägyp⸗ tiſchen von den Venetianern weit überholt wurden. Aber auch dieſe ſchenkten dem Schwarzen Meere nicht geringe Beachtung. Heftige Kämpfe führten ſie im 14. Jahrhundert gegen die Genueſen um dieſen Handel (1351 Seeſchlacht im Bosporus), ohne aber dieſelben aus ihrer übermächtigen Stellung verdrängen zu können. Noch das ganze 14. Jahrhundert hindurch erſchien jährlich eine venetianiſche Flottenabtheilung in Sinope und Trapezunt, eine andere in der Mündung des Don, und erſt im Anfange des 15. Jahrhunderts zog ſich Venedig nach zweimaliger Verheerung Tanas in dem Mongolenſturme dieſer Zeit, von denen namentlich die letzte mit außerordentlichen Verluſten verbunden war, aus dem Schwarzen Meere zurück.

Der Mongolenſturm Tamerlans, der die Faktoreien am Don, die Mongolenreſidenz Sara an der Wolga und andere Etappen des pontiſch⸗buchariſchen Handels vernichtete, mußte auch den Handel der Genueſen ſchä⸗ digen. Aber die Mongolen zerſtörten nicht bloß. In Samarkand ſchufen ſie einen neuen Mittelpunkt, in den alle die wichtigen Kanäle des centralaſiatiſchen Handels mündeten und der auch den pontiſchen Handel wieder hob. Bald aber trat ein neuer Feind auf, der nur zerſtörte, die Osmanen. Nachdem ſie ſich im Laufe des 14. Jahrhunderts Kleinaſiens und eines Theils der Hämushalbinſel bemächtigt, bedrängten ſie, durch den Sieg Tamerlans über Bajazeth nur auf kurze Zeit gebändigt, das griechiſche Kaiſerthum immer heftiger. Genua war im Gegenſatze zu dem innerlich feſt gefugten Venedig von Parteikämpfen zerriſſen und ſeine Kraft welkte hin. So war es, ſelbſt wenn es gewollt hätte, nicht im Stande, dem griechiſchen Kaiſerthum ge⸗ nügenden Beiſtand gegen den wilden Fanatismus der kräftigen Osmanen zu gewähren, ſondern ſuchte vielmehr ſeine Intereſſen durch Handelsverträge und ſelbſt durch Hilfeleiſtungen bei den Türken zu ſichern. Es wußte auch nach der Eroberung Konſtantinopels ſich die Gunſt der Eroberer, freilich unter den größten Demüthi⸗ gungen, zu verſchaffen. Die Genneſen erhielten freien Zugang und die Erlaubniß, den pontiſchen Handel weiter zu treiben. Einen ähnlichen Vertrag ſchloß bald auch Venedig mit dem Sultan. Aber die Hoffnungen auf einen friedlichen Verkehr unter der Herrſchaft der Türken waren eitel. Nacheinander wurden Sinope, Trapezunt, die venetianiſchen Beſitzungen in Griechenland und im griechiſchen Archipel von den Türken erobert; jedes Jahr brachte neue Verluſte. Endlich erhielten im Jahre 1475 die genueſiſche Handelsmacht und der Pontushandel den Todesſtoß. Inmitten der größten Bedrängniſſe und Verwirrungen veranlaßte der genuneſiſche Konſul in Kaffa durch ſein hochmüthiges Verfahren noch einen Krieg mit den Mongolen, welche die Türken zur Eroberung Kaffas herbeiriefen. So fiel die Beherrſcherin auch des kimmeriſchen Bosporus in die Hände der Türken, aber nicht ohne durch ihre 70,000 den verſchiedenſten Nationen angehörigen Bewohner, welche die Türken auf dem Sklavenmarkte zu Konſtantinopel feilboten, Zeugniß abzulegen von der Bedeutung der Donſtraße ſelbſt in jener Zeit des verfallenden Pontushandels.

Die noch übrigen weniger wichtigen Stapelplätze des genueſiſchen Handels im Schwarzen Meere theilten das Schickſal der Hauptkolonie, und jeder Reſt chriſtlicher Herrſchaft an dem Pontus ward vernichtet. Ver⸗ gebens erkauften die Venetianer um einen jährlichen Tribut von 10,000 Dukaten von den Türken die Er⸗ laubniß zur Schifffahrt auf dem Schwarzen Meere; die Türken hielten keinen Frieden, und die Venetianer gaben die Verſuche auf, den Pontus dem Handel wiederzugewinnen.

So war dieſes wichtige Organ des damaligen Welthandels gelähmt. Seine Lähmung zog auch Aegypten in Mitleidenſchaft. Die Zufuhr von Sklaven aus dem Schwarzen Meere, welche die Türken jetzt für ihr Janitſcharencorps in Anſpruch nahmen, hörte auf und damit die Verjüngung der Mammeluken durch friſches Blut. Der Thron des Sultans wurde erblich in dem alternden Mammelukenreiche, und jeder neue Thron⸗ folger mußte ſeine Herrſchaft durch Entleerung der Schatzkammer für Geſchenke an die Mammeluken erkaufen.