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und von nun an durchlöcherte die Begehrlichkeit der Kirche das Verbot immer mehr. Eine praktiſche Bedeu⸗ tung hatte es überhaupt nicht mehr; denn an eine Eroberung des heiligen Landes, für welche allein daſſelbe von Wichtigkeit geweſen wäre, war ohnehin nicht mehr zu denken. In den Städten Italiens wie Deutſch⸗ lands, deren Bürger ihren Wohlſtand zu fühlen und zu zeigen begannen, hatte ſich eine Richtung auf das Materielle eingeſtellt, welcher der Glaubenseifer der Kreuzfahrer völlig fremd war. Dieſelbe materielle Ge⸗ ſinnung ließ auch den Papſt und die Geiſtlichkeit die Vortheile, welche der Verkauf der Dispenſe gewährte, ſehr wohl würdigen; berechnete man doch die jährlichen Einkünfte des apoſtoliſchen Stuhls aus demſelben auf faſt 10,000 Dukaten. Aus den Dispenſen für einzelne wurden, da auch die Beichtväter auf eigene Hand den Uebertretern des Verbots Abſolution ertheilten und ſo dem heiligen Stuhle einen Theil des Gewinnes entzogen, mit der Zeit ein ſolcher für den geſammten Handelsſtand der Republik Venedig, anfangs nur auf eine Reihe von Jahren, doch ſpäter gegen hohe Summen verlängert. Allmählich kam das Kirchenverbot ganz in Vergeſſenheit. Jetzt ſtand der Abſchließung von Verträgen zwiſchen Venedig und dem Sultan nichts mehr entgegen, und nun machte ſich die unübertreffliche Handelslage Aegyptens wieder vollſtändig geltend. Mehr und mehr erwarb Alexandrien das Monopol des indiſch⸗europäiſchen Handels. Schon im 14. Jahrhundert gingen nur noch die koſtbarſten Gewürze, die längere Seereiſen nicht vertrugen, den Ueberlandweg.
Die Blüthe Aegyptens in jenen Zeiten war unter dem ſtreng militäriſchen Regiment der Mammeluken, das Ordnung und Sicherheit ſchuf, eine ganz außerordentliche. Es iſt kein Grund an den Angaben der Schriftſteller aus jener Zeit zu zweifeln, nach denen Babylon, wie Kairo im Mittelalter genannt wurde, eine Ausdehnung von 4 ½ Meilen in der Länge und von 2 Meilen in der Breite hatte, 30,000 Vermiether von Pferden und Laſtthieren, deren jeder noch ſeinen Treiber beſaß, und 12,000 Waſſerträger ſich daſelbſt befanden, 36,000 Fahrzeuge die Waaren den Nil auf⸗ und abwärts ſchafften. Dem entſprechend war Alexan⸗ drien, das in der islamitiſchen Welt ſchon durch den Pilgerzug aus Spanien und Afrika nach Mekka ſtets bedeutend war, gewachſen. Es war entſchieden die erſte Handelsſtadt im Bereiche des Mittelmeeres.
Von dieſer Entwicklung des ägyptiſchen Handels, die bis um die Mitte des 15. Jahrhunderts noch zu⸗ nahm, war das Sinken des pontiſchen Handels die nothwendige Folge. Nicht nur wurde der Zug der in⸗ diſchen Waaren über das Schwarze Meer ſchwächer und ſchwächer, ſondern auch die Donauſtraße verlor in Folge der veränderten Richtung des Welthandels ihre Bedeutung. Sie war nur ſo lange die nächſte und vortheilhafteſte für die Deutſchen, wie Konſtantinopel als Hauptmarkt der indiſchen Waaren daſtand; ſeit ſich Alexandrien zu dieſem Range emporgeſchwungen, war der Weg über IJtalien und die Alpen weit natürlicher. Damit war aber noch eine weitere Schmälerung des pontiſchen Verkehrs verbunden. Die ruſſiſchen Erzeug⸗ niſſe, welche die Venetianer früher allein aus dem Pontus bezogen hatten, wurden ihnen jetzt von den Deut⸗ ſchen über die Alpen zugeführt oder ſie holten dieſelben ſeit dem Anfange des 14. Jahrhunderts ſelber von den Hanſeaten aus Brügge und Antwerpen.
Nichtsdeſtoweniger blieb dem Schwarzen Meere noch immer eine hohe Bedeutung. Noch immer kamen auf der Straße von Peking die chineſiſchen Waaren über Baktrien an den Don; noch immer lieferte Kaffa das ſarmatiſche Pelzwerk und die Sklaven des Kaukaſus, die von ſo hoher Wichtigkeit für den Handel mit Aegypten waren, da die Söhne der Mammeluken als geborene Muhamedaner nicht in dieſes Corps auf⸗ genommen werden durften. Nach wie vor war das Schwarze Meer reich an Fiſchen, blieb die Fruchtbarkeit ſeiner Hinterländer. Noch immer kamen über Trapezunt von Täbris her die Waaren Perſiens und die werth⸗ volleren Produkte Indiens von geringerem Umfange, und die letzteren erzielten höhere Preiſe, als die auf dem Seewege über Alexandrien an den Markt gebrachten. Die ungehemmte Konkurrenz des Rothen Meeres ver⸗
mochte den Pontushandel wohl zu mindern, aber ſie mußten ihm doch eine Bedeutung laſſen, welche über die 4


