Jahrgang 
1874
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Augsburgs, das an der neuen Straße lag, zugleich mit dem Sinken der Donauſtadt Regensburg um die ge⸗ nannte Zeit hervorgeht.

Dieſer Umſchwung wurde durch die Venetianer veranlaßt. Zwar iſt es den Genueſen nie gelungen, dieſe Nebenbuhler ganz aus dem Pontus zu verdrängen; jedoch kamen die Venetianer ihren begünſtigten Feinden gegenüber immer mehr in Nachtheil. Nun war aber damals der Handel mit den indiſchen Produkten der am meiſten bereichernde; er hatte Venedig zur erſten Stadt der europäiſchen Welt gemacht. Kein Wunder alſo, daß es nach anderen Richtungen hin die größten Anſtrengungen machte, ſeinen Antheil an dieſem Handel zu ſichern und zu vermehren. Den Verkehr mit Alexandrien offen wieder aufzunehmen, wagte man wegen des Kirchen⸗ verbots nicht; aber auch hier leiſteten die Mongolen vortreffliche Dienſte. Sie herrſchten im nördlichen Syrien, in Armenien, in Aderbeidſchan, wo in dem Knotenpunkte uralter Handelsſtraßen, Täbris, der Khan der vorder⸗ aſiatiſchen Mongolen ſeinen Sitz hatte, in Perſien und Meſopotamien. Die Straße des perſiſchen Golfs mit ihren Verzweigungen nach Norden und Nordweſten war alſo in ihrer Hand. Mit ihnen, in denen man ſchon künftige Chriſten ſah, war der Handel nicht verwehrt. Was die Genueſen zur Zeit der Uebermacht Venedigs auf dem Pontus ſchon angebahnt, die Route von Ajazzo, dem alten Iſſus, nach Täbris in Aufnahme zu bringen, das führten die Venetianer durch; ſie eröffnete die einzige Pforte, welche zwiſchen Genuas Macht⸗ ſtellung auf dem Pontus und dem verſchloſſenen Mammelukenreiche ſich zeigte. Sie bot ſogar den Vortheil eines näheren Wegs zu der Quelle der indiſchen Reichthümer, ſo daß auch die Genueſen ihnen folgten. Die verlockende Nähe anderer ſyriſcher Häfen, die Schlupfwinkel der ſüdlichen Küſten Kleinaſiens, das Gewirr der griechiſchen Inſelwelt luden überdies zum Schleichhandel ein, und kaum hatten ſich in den genannten Gegenden Märkte für denſelben gebildet, als auch ägyptiſche Händler dieſelben beſuchten. So war nur noch ein Schritt bis zum Schleichhandel mit Aegypten zu thun und bald war dieſer überall, auch mit Barka und den Küſten der Berberei, im Gange. Wurden doch ſchon im Jahre 1289 in Alexandrien ſelbſt in Folge von Mißhellig⸗ keiten ſo viele Genueſen, die auch hier den Venetianern gefolgt waren, verhaftet, daß die Regierung eine Ge⸗ ſandtſchaft an den Sultan ſchickte, um wieder ein freundliches Einvernehmen herzuſtellen. Jene Sperre mußte den Kaufleuten unnatürlich erſcheinen. Sie deuteten das Verbot möglichſt zu ihren Gunſten; nicht geradezu verbotene Importen mußten ihnen den Grund zum Verkehr mit Alexandrien liefern, und die verbotenen wurden mit eingeſchmuggelt. Die Kirche drückte gegen einen Antheil am Gewinne oft genug ein Auge zu, um zu einer anderen Zeit wieder einen Anlauf zu größerer Strenge zu nehmen. So unterſagte ein päpſtliches Edikt vom Jahre 1304 ausdrücklich jede Einfuhr nach Aegypten. Der Kampf der Gewinnſucht und der Furcht vor den ewigen Strafen, welche die Kirche drohte, förderte eigenthümliche Erſcheinungen zu Tage, die zeigen, wie die Gewiſſen aus einem Extrem in das andere geſchleudert wurden. So ſehen wir auf der einen Seite, wie die Venetianer das Verbot ſogar benutzten, um große Vortheile daraus zu ziehen. Sie bedungen ſich Zoll⸗ freiheit aus für die Waaren, welche ſie für die verbotenen Einfuhren einhandeln würden; offenbar ſollte ihnen der Sultan das Riſico ihrer ewigen Seligkeit bezahlen. Nahete aber der Tod, ſo machten die Kaufleute Teſtamente, durch welche ſie ſich mit den im alexandriniſchen Handel gewonnenen Reichthümern in den Schooß der Kirche, aus der ſie ausgeſtoßen waren, zurückkaufen wollten. Die Menge dieſer Teſtamente und die Summen, die darin geopfert wurden, waren im 3. Jahrzehend des 14. Jahrhunderts, nachdem in Folge des Verluſtes des letzten Bollwerks der Chriſtenheit im heiligen Lande 1291 die Kirche längere Zeit mit größerer Strenge aufgetreten war, ſo groß, daß durch deren Vollſtreckung der Vermögensſtand einer Menge venetianiſcher Familien und darunter mancher, die zu den erſten der Republik gehörten, zerrüttet und der Handel empfindlich geſchädigt worden wäre. Nach langen Verhandlungen ließ ſich endlich der apoſtoliſche Stuhl zu einem Vergleiche herbei, der den Verkehr mit den Ungläubigen gegen päpſtlichen Dispens erlaubte,