Jahrgang 
1874
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Kaukaſus bauten ihre Bergleute auf Silber; ihre Schiffe befuhren das Kaspiſche Meer; bis in die Bucharei hinein gingen die Italiener, um die indiſchen und chineſiſchen Waaren aus einer früheren Hand zu erhalten, und ſelbſt die für jene Zeiten fabelhaft erſcheinenden Handelsreiſen nach China ſcheuten ſie nicht. Es war dies die Zeit, wo die Mongolen ihre Herrſchaft über Oſteuropa, Mittelaſien und China ausgebreitet und erſt an der Mammelukenmacht in Syrien eine Grenze gefunden hatten. In Folge ihrer Feindſchaft mit den Sa⸗ racenen wurden ſie die natürlichen Bundesgenoſſen der Chriſten, ſo daß zahlreiche Verſuche, ſie für das Chriſtenthum zu gewinnen, gemacht wurden. Die Miſſionsreiſen zu den Mongolenkaiſern brachten die erſte Kunde von dem Volke der Chineſen nach Europa, deren fernes Land die Sage zu einem Lande der Wunder ausſchmückte. Nach dieſem Lande der Wunder gelangten dann bald zwei venetianiſche Kaufleute, die Poli 1260 1269 deren Spuren die Karawanen fränkiſcher Kaufleute bis nach Peking folgten. Der Weg, der ſich nach einem erhaltenen Itinerar im großen und ganzen noch verfolgen läßt, war faſt überall völlig gefahrlos und wurde bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts von den Italienern benutzt, bis zu welcher Zeit auch der Klang chriſtlicher Kirchenglocken in Peking ertönte, der mit dem Sturze der Mongolendynaſtie verſtummte.

Dieſe Freundſchaft mit den Mongolen kam dem Handel der Chriſten im Schwarzen Meere ſehr zu Statten. Verträge mit den Mongolenfürſten ſicherten nicht bloß ihre Kolonien am Pontus, ſondern gewährten ihnen auch niedrige Zölle, eigene Gerichtsbarkeit, Grundeigenthum und was ſonſt die rührigen Italiener in fremden Ländern an Rechten ſich zu verſchaffen pflegten, um in der Fremde die Heimath im kleinen wieder⸗ zufinden. Daß ſie neben der Donmündung auch die übrigen für den Handel wichtigen Punkte im Auge be⸗ hielten, bedarf wohl keiner Erwähnung. Namentlich waren noch Trapezunt und Sinope von Bedeutung. Mit den griechiſchen Herrſchern von Trapezunt hatten Venetianer wie Genueſen Verträge geſchloſſen und bezogen über dieſe Stadt die perſiſchen, vorderaſiatiſchen und auch indiſche Waaren, die auf der Straße über Täbris und Erzerum herangeführt wurden. Ueber Sinope erhielten ſie die Gewebe aus dem Haar der Angoraziege, die wegen ihres Glanzes als Erſatz für Seide geſucht waren.

Das Uebergewicht der Handelsſtraße durch die Bucharei verlieh auch der Donauſtraße eine noch größere Bedeutung. Erſichtlich war ſie jetzt, wo der Don die Welthandelsſtraße war, der nächſte Weg für den Zug der indiſchen Waaren nach Mitteleuropa. Sie führte aus dem Pontus bis ins Herz Deutſchlands hinein, und die Donauſtädte, namentlich Regensburg, erreichten in dieſer Periode ihre höchſte Blüthe. Auch den Städten an der Oder und Weichſel war in dieſer Zeit der Welthandel näher gerückt, und ihre Kaufleute benutzten dieſe Gunſt der Verhältniſſe um wie die Oberdeutſchen ſelber nach dem Pontus zu gehen. Ja noch mehr; ihr Unternehmungsgeiſt ließ die Deutſchen kaum den Italienern nachſtehen. Wie dieſe drangen ſie möglichſt an die Quelle vor, indem ſie um die Mitte des 13. Jahrhunderts bis in die Bucharei gingen, um die indiſchen Waaren zu holen. Das Verlangen nach denſelben nahm immer mehr zu und damit auch der Antrieb, in Landwirthſchaft und Induſtrie alle Kräfte anzuſtrengen. So ging von dem Schwarzen Meere ein Impuls aus, der für die deutſche Kultur von der ſegensreichſten Wirkung war.

Als dagegen der Pontus vom Rothen Meere wieder überflügelt wurde und Konſtantinopel für die in⸗ diſchen Waaren nicht mehr der Hauptmarkt war, bekam auch der Handel der Deutſchen und Italiener über die Alpen das Uebergewicht, und die Donauſtraße, die nunmehr abſeits lag von dem Hauptſtrome des Welt⸗ verkehrs, verödete. Zwar hatte ſchon ſehr früh ein Handel der Italiener über die Alpen ſtattgefunden. Schon im 7. Jahrhundert beſuchen lombardiſche Kaufleute die Meſſen in Frankreich und im 9. finden wir in Regens⸗ burg eine Latinergaſſe, ein Beweis, daß ſich lombardiſche und wohl namentlich venetianiſche Kaufleute dort niedergelaſſen hatten. Aber dies beweiſt nicht, daß der Hauptzug der indiſchen Waaren nach Deutſchland über die Alpen ging. Dies beginnt vielmehr erſt ſeit dem Anfange des 14. Jahrhunderts, wie aus dem Aufblühen