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Handels auf der Donauſtraße eine Folge der Kreuzzüge war und die Don⸗Wolga⸗Straße zu der den Verkehr Chinas und Indiens mit Europa hauptſächlich vermittelnden Welthandelsſtraße erhob.
Schon im 12. Jahrhundert hatte ſich Aegypten zu einer Großmacht erhoben, der namentlich das Scheitern der Kreuzzüge beizumeſſen war. Mittelbar trugen hieran die Chriſten zum großen Theil ſelbſt die Schuld. Denn wenn auch das Nilland durch ſeine außerordentliche Fruchtbarkeit und ſeine ausgezeichnete Weltlage ſtets zu Bedeutung und hoher Blüthe gelangt iſt, ſobald es ſich längere Zeit geordneter Zuſtände erfreute, ſo ver⸗ dankte es doch im Mittelalter dem europäiſchen Handel nicht nur den größten Theil ſeines Reichthums, ſon⸗ dern es wurde durch die Italiener geradezu erſt gegen die Chriſten bewaffnet. Mit den im Verkehr mit den Italienern gewonnenen Schätzen kaufte man die Sklaven zur Bildung der Heere, kaufte man die Waffen zu deren Ausrüſtung, kaufte man das Holz, den Hanf, den Theer und die ſonſtigen Materialien zum Schiffbau. Und wiederum führten alle dieſe Gegenſtände den Herrſchern Aegyptens europäiſche Schiffe zu. Dieſelben Städte, welche die Kreuzzüge im Intereſſe ihres Handels nach Kräften förderten, verſorgten auch die Gegner der Chriſten mit allem was zur Kriegführung gehört, und oft kam es vor, daß die Saracenen beſſer bedient wurden als die chriſtlichen Heere. Von jeher ſahen deshalb die chriſtlichen Völker den Handel mit Alexandrien voll Unwillens. Man konnte dieſen gefährlichſten Feind ihrer Religion entwaffnen, wenn man ihm nicht ſelber die Waffen zuführte. Was war alſo natürlicher, als daß das Haupt der Chriſtenheit dieſen Handel unter⸗ ſagte? So erneuerte denn die Lateraniſche Kirchenverſammlung des Jahres 1178 das Verbot der griechiſchen Kaiſer und früherer Päpſte, den Muhamedanern Sklaven, Waffen, Eiſen, Schiffbauholz und andere Kriegs⸗ bedürfniſſe zu verkaufen. Aber dieſe Gegenſtände waren es gerade, mit denen die Chriſten in Alexandrien die indiſchen Waaren bezahlten, ſo daß in Wirklichkeit dies Verbot den Handel mit Aegypten und Syrien überhaupt unterſagte.
Unter dieſen Verhältniſſen mußte daſſelbe nicht geringen Einfluß auf den Entſchluß der Venetianer zur Eroberung Konſtantinopels haben. Die übrigen Handelswege nach Indien waren durch das Verbot geſperrt; es galt ſich des Ueberlandwegs für alle Fälle zu verſichern. Der uralte Waarenzug durch die Bucharei hatte nie aufgehört und Balkh, Buchara, Samarkand waren ſtets Emporien der indiſchen und chineſiſchen Waaren geblieben. Am Don aber hatten die Venetianer ſchon 1180 den Stapelplatz Tana in der Nähe des heutigen Azow gegründet, auf dem wir am Ende des 12. Jahrhunderts ein venetianiſches Konſulat finden. Von dort aus wurde jetzt der Verkehr mit der Bucharei neu belebt; Tana wurde für einige Zeit das, was in kleinerem Maßſtabe Phaſis und Dioskurias im Alterthum geweſen waren: die Endſtation des baktriſchen Verkehrs am Pontus. Seine Lage ſchon weiſt darauf hin, daß dieſer Verkehr vom Kaspiſchen bis an das Schwarze Meer einen anderen Weg einſchlug als zur Zeit der Hellenen. Nicht den Kur auf⸗ und den Phaſis abwärts gingen die morgenländiſchen Waaren, ſondern die Wolga hinauf bis nach dem heutigen Sarepta, dann zum Don hinüber und dieſen hinunter. Den Venetianern folgten bald auch die Genueſen und Piſaner; große Waaren⸗ lager entſtanden in Tana, wo auch die Produkte des Wolgagebiets und der Länder bis zur Oſtſee und dem Weißen Meere zuſammenſtrömten, und die Stadt blühte raſch empor. Der Umſchlag der politiſchen Ver⸗ hältniſſe in Konſtantinopel, wo die Genueſen im Jahre 1261 das griechiſche Kaiſerthum wieder herſtellten, verminderte die Bedeutung der Donmündung nicht, wenn auch das Uebergewicht der Genueſen bewirkte, daß deren Kolonie Kaffa, an der Stelle des alten Theodoſia gegründet, emporblühte, Tana dagegen ſank. Viel⸗ mehr nahm der Pontushandel unter der Herrſchaft der Genueſen noch an Bedeutung zu, da ſie ſich der Pflege und Erweiterung deſſelben vorzugsweiſe widmeten. Zahlreiche Niederlaſſungen entſtanden in allen Theilen der Krim, wie an den wichtigſten Punkten der nördlichen und ſüdlichen Geſtade, meiſt mit ſtarken Befeſtigungen verſehen, deren Trümmer noch heute von der Macht und Größe Genuas in jener Zeit Zeugniß ablegen. Im


