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ein Tauſchplatz wurde. Damit war aber der Grund des guten Verhältniſſes zwiſchen Byzantinern und Ruſſen weggefallen; man ſuchte die letzteren in ihrem Verkehr mit den Fremden zu Gunſten der einheimiſchen Kauf⸗ leute zu beſchränken. Man verbot ihnen in Konſtantinopel zu überwintern. Aber der Erfolg war ein ganz anderer als man erwartet hatte. Denn ſtatt ſich dieſen Maßregeln zu unterwerfen, gingen die thätigen Italiener den Ruſſen bis an die Mündung des Dnjepr entgegen, und die Deutſchen, welche einmal in Konſtantinopel den Handel mit den Ruſſen kennen gelernt hatten, ſuchten deren Waaren ſogar an der Quelle auf. Sie gingen auf geradem Wege nach Kiew ſelbſt. So wurde dieſe Stadt ein bedeutender Handelsplatz. Von Kon⸗ ſtantinopel aber blieben die Ruſſen, denen die Venetianer die früher auf dieſem Markte erhandelten Waaren nach Oleſch, dem ruſſiſchen Stapelplatze an der Mündung des Dnjepr, entgegenbrachten, immer mehr weg. Im Anfang des 13. Jahrhunderts, gerade in der Zeit, in welcher der Pontushandel in ſeine glänzendſte Periode eintrat, verödete die„griechiſche Straße“, der Dnjepr, allmählich. Die Gründung des lateiniſchen Kaiſer⸗ thums veranlaßte die Ruſſen auch aus religiöſen Gründen Konſtantinopel zu meiden. Dazu wurde Kiew wiederholt erſtürmt und geplündert, zuletzt 1240 durch die Mongolen. Der Sitz des Großfürſtenthums war ſchon früher, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, von Kiew nach Wladimir zwiſchen Oka und Wolga verlegt, und der Verkehr Kiews zog ſich nach dem 1220 gegründeten Niſchnii Nowgorod.
Damit ging aber der ruſſiſche Handel dem Pontus nicht verloren, ſondern er wandte ſich nur mehr der Wolgaſtraße zu, die vermittels des Don auch zum Schwarzen Meere führte.
Die Chazaren am Don und auf der Krim waren gleichfalls früh mit Konſtantinopel in Verkehr getreten; aber weit bedeutender war ſeit der Gründung des Khalifenreichs ihr Handel mit den Arabern. Ihre Haupt⸗ ſtadt, etwa an der Stelle des heutigen Aſtrachan an der Wolga gelegen, hieß wie dieſer Fluß ſelbſt Atel, Itel, Itil. Sie erlangte durch den Handel mit den Arabern eine große Bedeutung, da ſie die Vorzüge eines Seehafens vereinigte mit der Lage an der Aus⸗ und Eingangspcforte eines mächtigen, an unentbehrlichen Pro⸗ dukten reichen Stromgebiets. Dazu kam der ungemein bedeutende Fiſchfang in den vielverzweigten Mündungen der Wolga. Alle die bekannten Produkte des Wolgagebiets holten die Araber von den Chazaren, namentlich aber auch das koſtbare nordiſche Pelzwerk. Das Verlangen nach dieſem von der arabiſchen Mode vielbegehrten Artikel wird es auch vorzugsweiſe geweſen ſein, was die Araber in ihrem weitſtrebenden Handelsgeiſte bis tief in den Norden Europas hineinzog. Hier wohnte um Kama und Wolga herum ein Theil des Volks, dem wir früher ſchon an der Donau begegnet ſind, der Bulgaren. Ihre Hauptſtadt, Bulgar, wird am Zu⸗ ſammenfluſſe der beiden Ströme gelegen haben, welche ihr nach Oſten, Norden, Weſten und Süden die weiteſten Verbindungen eröffneten. Daher ward ſie zu einem wichtigen Handelsplatze, auf dem die Araber auch mit den Ruſſen zuſammentrafen und außer Pelzen namentlich noch Bernſtein, Sklaven und Leder er⸗ hielten. Wie die Dnjeprſtraße der Verbreitung des Chriſtenthums, ſo diente die Wolga der des Islam. Dieſer war bei den Chazaren und Bulgaren, wenn nicht die allein herrſchende, ſo doch die vorzugsweiſe begünſtigte Religion, und bis tief ins Wolgagebiet hinein erhoben ſich Minarets und Moſcheen.
Nach dem Verfalle des Khalifenreichs wandte ſich der Verkehr der Wolgaländer dem Pontus und Kon⸗
ſtantinopel zu, und ſo ſehen wir denn an der Mündung des Don auch bald die Italiener erſcheinen. Im 12. Jahrhundert iſt der Verkehr Konſtantinopels mit den Chazaren in vollem Gange.
So haben wir mehr und mehr ein lebhaftes Handelstreiben auf dem Schwarzen Meere ſich entwickeln ſehen. Von allen Seiten ſtrömen die europäiſchen Völker auf ihm zuſammen. Er iſt der Mittelpunkt, in dem ſich alle Radien des Verkehrs von Oſt⸗, Nord⸗, Mittel⸗ und Süd⸗Europa vereinigen. Aber die höchſte Blüthe des Pontushandels ſollte erſt noch eintreten durch ein Ereigniß, das wie die Belebung des deutſchen


