20
Ihre volle Wichtigkeit gewinnt indeſſen die Donauſtraße erſt, als die Deutſchen, die ſich bisher in Bezug auf den Handel mit Konſtantinopel paſſiv verhalten hatten, aktiv auftraten. Dies geſchah in größerem Maßſtabe ſeit dem Beginn der Kreuzziſge. Die außerordentliche Bedeutung derſelben für die Entwickelung des Handels im mittleren und weſtlichen Europa hier näher auseinander zu ſetzen, würde uns zu weit führen. Erſt durch die Kreuzzüge wurden die Produkte Indiens in weiteren Kreiſen des Abendlandes zum Bedirfniſſe; erſt durch das rege Leben, welches ſie im mittleren und weſtlichen Europa hervorriefen, nahm die Induſtrie einen Aufſchwung, der einen bedeutenden Handel ermöglichte; erſt durch dieſe Völkerwanderung nach Oſten, bei der die Donau den Deutſchen als Heerſtraße diente, wurde ſie auch als Handelsſtraße denſelben geläufig. So nimmt denn im 12. und 13. Jahrhundert der Handelsgeiſt der Deutſchen einen mächtigen Aufſchwung. Unter dem Einfluſſe der Donauſtraße kommen zuerſt die Oberdeutſchen zu Reichthum und höherer Kultur; ſie waren Konſtantinopel, dem Stapelplatze zwiſchen Orient und Occident, näher. Schon 1140 iſt die Zahl der in Konſtantinopel anſäſſigen Deutſchen ſo groß, daß man ihnen eine eigene Kirche zugeſteht. Die Donau⸗ ſtädte blühen nun raſch empor: Regensburg wurde die reichſte und bevölkertſte Stadt Deutſchlands. So be⸗ fruchtend wirkte die Nähe Konſtantinopels und des Schwarzen Meeres, und ſo lange jene Stadt der Haupt⸗ markt für die indiſchen Waaren blieb, dauerte auch dieſer Großhandel der Deutſchen nach dem Pontus.
In Konſtantinopel trafen die Deutſchen nicht bloß mit den Italienern, von denen ſie die indiſchen Waaren einhandelten, ſondern auch mit den in den nördlichen Pontusländern wohnenden Völkern zuſammen.
Wir haben ſchon früher geſehen, daß die Griechen, namentlich ſeit ihnen Aegypten durch die Araber ent⸗ riſſen war, die wichtigſten Lebensbedürfniſſe aus den Ländern im nördlichen Bereich des Pontus holen mußten. Aber auch deren Bewohner waren, wie früher auf die Hellenen, ſo jetzt auf die Byzantiner angewieſen, als das einzige Kulturvolk, welches weiter gehende Bedürfniſſe befriedigen konnte. So mußte ſich nothwendig zwiſchen beiden ein lebhafterer Verkehr entwickeln, ſobald in jenen nördlichen an den unentbehrlichſten Pro⸗ dukten ſo reichen Ländern die Völker zu einiger Ruhe gekommen waren. Zwiſchen den Weſtküſten der Krim und den Mündungen der Wolga ſaßen bis zum Mongolenſturme die Chazaren, zwiſchen dem mäotiſchen See und den Donaumündungen dagegen vom Anfange des 10. Jahrhunderts an die Petſchenegen und von dem des 12. an die Komanen und Polowzer. Mit dieſen Völkern ſtanden die Griechen beſtändig in Handels⸗ verbindungen, die, wenn auch nicht anfänglich, ſo doch ſpäter dahin führen, daß jene ſelber nach Konſtanti⸗ nopel kommen, wo z. B. 1043 blutige Händel mit ihren Kaufleuten ausbrechen. Wichtiger aber als dieſe ſind die über den Petſchenegen wohnenden Ruſſen. Ihre kühnen Herrſcher zogen, ſo lange das normänniſche Blut der Seckönige ſie zu weiten Raubfahrten trieb, auf der Waſſerſtraße des Dnjepr gegen das byzantiniſche Reich und trotzten ihm Tribut ab; ſpäter ſehen wir die Waräger bei den Kaiſern in Kriegsdienſte treten, und daneben geſtaltet ſich ein reger Handelsverkehr, der ſchon im Beginne des 10. Jahrhunderts durch Ver⸗ träge geregelt wird. Aber wieder gehen die Griechen nicht zu den Fremden, ſondern dieſe kommen nach Kon⸗ ſtantinopel, wo ſie ſehr geehrt wurden. Von Nowgorod im Bereich des baltiſchen Meeres, von Tſchernigow an der Desna, von Mielniza in Volhynien kamen die ruſſiſchen Kaufleute in Kiew zuſammen und vereinigten ſich hier, um den etwaigen Anfällen der Petſchenegen am unteren Dnjepr gewachſen zu ſein, in großer Zahl zu gemeinſchaftlichen Fahrten nach Konſtantinopel. So ſtand der Pontus mit den Oſtſeeländern durch die Dnjeprſtraße in Verbindung und auf dieſer kam mit den griechiſchen Waaren auch das griechiſche Chriſtenthum zu den Ruſſen. In Konſtantinopel trafen dieſe mit den Italienern und bald auch mit den Deutſchen zu⸗ ſammen. Kein Wunder, daß deren rührige Kaufleute die bequemen Griechen, welche ſich nur auf die Lage und den Ruf ihres Handelsplatzes verließen und überdies durch Monopole eingeengt waren, bald im Verkehr mit den Ruſſen überflügelten und Konſtantinopel mit Uebergehung der Griechen für die Fremden bald nur


