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überlaſſen. Die Marine dieſer war immer mehr gewachſen, die jener immer mehr zurückgegangen. Schließlich entriſſen die Venetianer den Griechen in ihrem eigenen Lande nicht nur den Zwiſchenhandel, ſondern bemäch⸗ tigten ſich auch der wichtigſten Induſtriezweige, namentlich der Seideninduſtrie. In Menge ließen ſie ſich in Konſtantinopel nieder und verheiratheten ſich mit Töchtern aus angeſehenen Häuſern; das griechiſche Reich mit alle den außerordentlichen Vortheilen, die es für den Verkehr bot, beuteten ſie auf das rückſichtsloſeſte aus.
Aber nicht bloß die Venetianer, auch die Amalfitaner, ſpäter die Genueſen und Piſaner errangen Handels⸗ vorrechte in Konſtantinopel. Auch ſie waren zu Hilfeleiſtungen mit ihren Flotten gegen Vorrechte bereit und erhielten ſie auf Koſten der griechiſchen Unterthanen. Die byzantiniſche Regierung zog daraus einen Vortheil, der die Exiſtenz des Reichs noch auf einige Jahrhunderte friſtete. Sie waren jetzt nicht mehr auf die Hilfe der Venetianer allein angewieſen, ſondern konnten ſogar bei der zwiſchen den italieniſchen Handelsrepubliken beſtehenden Eiferſucht die Macht der einen gegen die andere benutzen. Daß ſie dies thaten, zeigt das ernſt⸗ liche Zerwürfniß mit Venedig in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Die Venetianer hatten ihre Hilfe gegen Wilhelm von Sicilien verweigert, weil das lange von ihnen bekämpfte Normannenreich in Folge einer blühenden Seideninduſtrie und der Anpflanzung des Zuckerrohrs für ihren Handel von Wichtigkeit geworden war. Vorſichtig rief Venedig alle ſeine Angehörigen aus dem griechiſchen Reiche zurück und verbot den Verkehr mit dem⸗ ſelben. Aber getäuſcht durch hinterliſtige Verſprechungen des Kaiſers Manuel nahm es das Verbot zurück, und nun ließ dieſer alle in ſeinem Reiche befindlichen Venetianer, gegen 20,000, die nach Aufhebung der Handelsſperre mit reichen Ladungen nach Konſtantinopel gefahren waren, feſtnehmen und ihr Eigenthum konfisciren. 1171. Erſt nach 10 Jahren fand eine Ausſöhnung Statt. Aber Venedig vergalt die Hinterliſt durch den Umſturz des byzan⸗ tiniſchen Kaiſerreichs im Jahre 1204. Die Gründung des lateiniſchen Kaiſerthums gab dann vollends den ganzen Handel des Pontus und Konſtantinopels in die Hände der Venetianer, die nun auch ihre italieniſchen Mitbewerber mit Erfolg verdrängen konnten. Sie erhielten nicht nur neue Vorrechte zu den alten, ſondern auch reiche Provinzen des griechiſchen Reichs, die Sitze des Seidenbaues und der Seideninduſtrie: Morea, Epirus, Akarnanien, ferner die ioniſchen Inſeln, Kandia, Cypern und die wichtigſten Inſeln des ägeiſchen Meeres.
Parallel mit dem Handel der Italiener durch den Bosporus hatte ſich aber auch auf den großen in den Pontus mündenden Strömen wieder ein reger Verkehr entwickelt, welcher den pontiſchen Handel der Hellenen an Ausdehnung und namentlich an Bedeutung für die Kulturgeſchichte weit übertraf. Vor allem tritt die Donauſtraße, im Alterthum minder wichtig, mit immer ſteigender Bedeutung hervor.
Die Länder, welche die untere und mittlere Donau durchzieht, wechſelten nach der Völkerwanderung mehrfach ihre Herren, ſo daß nach einander verſchiedene Völker den Verkehr zwiſchen Konſtantinopel und dem Nordweſten vermitteln. Zuerſt finden wir die Avaren im Beſitz dieſes Zwiſchenhandels. Ob ſie ſelber nach Konſtantinopel gingen, oder ob die Griechen zu ihnen kamen, iſt nicht bekannt. Sie bringen die griechiſchen Waaren nach dem alten Biſchofsſitze Lorch bei Enns, und ſpäter, als der Biſchofsſitz nach Paſſau verlegt wird, erſcheint dies als Stapelplatz der griechiſchen Waaren. Ihre Nachfolger ſind vom 9. Jahrhunderte an die Bulgaren, die bei der Paſſivität der griechiſchen Kaufleute ſelber nach Konſtantinopel gehen und große Reichthümer erwerben. Sie verlieren im Anfange des 11. Jahrhunderts ihre Selbſtſtändigkeit, und nun treten, durch den großen Strom ihres Landes zum Handel aufgefordert, die Ungarn an ihre Stelle, die etwa anderthalb Jahrhunderte den Zwiſchenhandel zwiſchen Deutſchland und Konſtantinopel behaupten. Auch ſie reiſen ſelber nach Konſtantinopel, ja ſie müſſen ſogar feſte Niederlaſſungen daſelbſt gehabt oder wenigſtens in ihren Geſchäften lange dort verweilt haben, da ihnen ihr König Stephan eine prächtige Kirche in dieſer Stadt erbauen ließ. Jedenfalls muß man hieraus auf einen nicht unbedeutenden Verkehr der Ungarn nach Konſtantinopel ſchließen.
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