Jahrgang 
1874
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zogen, während die Gegenpartei, durch ihre Handelsverbindungen auf das byzantiniſche Reich hingewieſen, die bürgerliche Freiheit zu begründen ſuchte und hierin auf den erſten Blick eine auffallende Erſcheinung von den griechiſchen Kaiſern unterſtützt wurde. Die letzteren konnten eben ihr Intereſſe nur ſo weit wahren, daß ſie ihren ſtreitbaren Schützling abhielten, auf die Seite der weſtlichen Kaiſer zu treten. Unter dieſen Verhältniſſen wuchs, nicht ohne vielfache Kämpfe, die innere Freiheit und Kraft Venetiens empor bis es ſtark genug war, auch in der Mitte großer Reiche auf eigenen Füßen zu ſtehen. Die byzantiniſche Partei umgab den Dogen mit Garantien, daß er nicht um den Preis der Tyrannis Venetien an die Franken verkaufte, und der oſtrömiſche Kaiſer ſah dies gern, weil die Dogen ſich ſo weniger leicht unabhängig machen konnten. In dieſer Schule erwarb Venedig ſeine Staatskunſt, in deren Ausübung es byzantiniſche Feinheit verband mit der Kraft freier Bürger, die, zwiſchen großen Mächten in der Mitte ſtehend, mit aller Anſtrengung rangen, ſelber ſo mächtig zu werden, daß ſie gefürchtet wurden, nicht zu fürchten brauchten.

Aus dem Geſagten geht hervor, daß dieſe ganze Entwickelung Venedigs aufs engſte mit den Handels⸗ verhältniſſen deſſelben zuſammenhängt, ja ſich eigentlich nur um dieſe dreht. Suchte Venedig nichts als Sicher⸗ heit vor den Herrſchern des Abendlandes, ſo konnte es dieſelbe durch Abſperrung leicht erreichen. Durch ſeine inſulare Lage und ſeine Seemacht war es für dieſelben unerreichbar. Aber Venedig war ſchon der Knoten⸗ punkt des Verkehrs zwiſchen dem Abend⸗ und Morgenlande; jene beiden Parteien waren erwachſen, die eine aus der Sorge, daß die Franken, die andere, daß die Byzantiner durch Handelsſperren ihre Erwerbsquellen abſchneiden möchten. Ihre Handelsverbindungen erſtreckten ſich auch ſchon früh weit in die weſtlichen Völker hinein. Nicht nur hatten ſie ſchon die longobardiſchen Könige mit Einfuhrartikeln aus Konſtantinopel verſehen, ſondern ſie haben auch zu Karls des Großen Zeiten ſchon viele feſte Niederlaſſungen im Frankenreiche. Von ihnen hatten die Hofleute Karls des Großen jene ſchönen Stoffe gekauft, die ſie auf der bekannten Jagd in Buſch und Dorn zerriſſen. Dieſelben werden uns genannt: Goldfaſanen⸗, Straußen⸗, Pfauen⸗Federn, Sammet und Seide, ſyriſche Purpurſtoffe, Zobel⸗ und Hermelinpelze. Daß ſie zu derſelben Zeit ſchon feſte Nieder⸗ laſſungen im Frankenreiche beſaßen, geht aus dem Aachener Frieden(810) hervor, in welchem See⸗Venetien den Byzantinern überlaſſen und den Venetern im ganzen Umfange des Frankenreichs die Befugniß Nieder⸗ laſſungen zu gründen und Grundeigenthum zu erwerben, ertheilt wird, Rechte, die ſie im byzantiniſchen Reiche ſchon lange beſaßen und die ihnen von den Nachfolgern Karls des Großen mehrfach beſtätigt, von Otto III. noch vermehrt wurden.

Dieſe Angaben beweiſen die enge Verbindung Venedigs mit Konſtantinopel ſeit den Zeiten Juſtinians, ſie beweiſen ferner, daß Venedig in jenen Zeiten ein Knotenpunkt für den Handel des Morgen⸗ und Abend⸗ landes iſt. Ihr Verkehr im Morgenlande beſchränkt ſich aber nicht bloß auf Konſtantinopel und das byzan⸗ tiniſche Reich; auch nach Syrien und Aegypten fahren ihre Schiffe. Sie brachten den Saracenen des holz⸗ und metallarmen Nillandes Balken, Maſten und Planken zum Bau von Schiffen, Waffen, Eiſen und andere Metalle. Hiermit rüſteten jene die Flotten aus, die zum Kampfe gegen die Chriſten das Mittelmeer befuhren. Wie große Maſſen Bauholz nach den Ländern der Saracenen ausgeführt wurden, dafür giebt heute noch die Waldarmuth der an Venetien grenzenden Länder deutliche Beweiſe. Auch der Handel mit Waffen muß ſehr bedeutend geweſen ſein. Feine Stahlwaffen wurden zwar in Damaskus und anderen Städten Syriens in weit größerer Vollkommenheit verfertigt; aber zur Bewaffnung der großen Maſſen der ſaraceniſchen Heere bediente man ſich vorzugsweiſe der Waffen, die aus Mitteleuropa kamen. Auch Sklaven führten ſie den Sa⸗ racenen in Menge zu und ſetzten ſich dabei über religiöſe Bedenken ſo vollſtäudig hinweg, daß ſie ſelbſt Chriſten in die Sklaverei der Ungläubigen ſchleppten. Alles dies erſieht man aus den zahlreichen Verboten, die gegen den Sklavenhandel auf Veranlaſſung der Kirche(876; 943; 960), gegen den Handel mit Waffen und Schiff⸗

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