Jahrgang 
1874
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tauſchten und von dem aus zu den Völkern des Weſtens das Verlangen nach ungekannten Genüſſen drang und ſie zu erhöhter Thätigkeit antrieb.

Dieſe Bedeutung in der Geſchichte des Handels verdankt aber Konſtantinopel nur ſeiner Lage und ſeiner alten Kultur, nicht der Tüchtigkeit und Strebſamkeit ſeiner Bewohner. Von der Natur mit einem ausgezeichneten Hafen verſehen gebot es durch ſeine Lage über die Schifffahrt zweier Meere; in Folge ſeiner Lage und ſeiner Kulturbedürfniſſe war es der Mittelpunkt von Ländern, die durch eigene wie als Durchgangsländer fremder Produkte von der höchſten Wichtigkeit waren. Dies alles ließ es für den Zwiſchenhandel wie geſchaffen erſcheinen.

Aber dieſer Zwiſchenhandel war meiſt nur ein paſſiver, und ſelbſt dieſen ließen ſich die Byzantiner von ſtrebſameren Völkern mehr und mehr aus den Händen winden, theils in Folge ihrer Trägheit, welche durch die unſelige von Altrom überkommene innere Politik ſyſtematiſch großgezogen ward, theils in Folge der Schwäche und Hilfloſigkeit, die das rings von kriegeriſchen Feinden umgebene Reich zwang, für Handelsvorrechte die Hilfe ſelbſtſüchtiger Freunde zu erkaufen. Schließlich kam es dahin, daß die Fremden weit mehr Rechte be⸗ ſaßen als die eigenen Bürger.

In den erſten Jahrhunderten Konſtantinopels zeigt ſein Handel im großen und ganzen denſelben Charakter wie der italieniſche in der römiſchen Kaiſerzeit, nur daß die Griechen noch mannigfach mit werthvollen In⸗ duſtrieerzeugniſſen die fremden Einfuhren bezahlen konnten. Aber die Verſchwendung der bevorzugten Klaſſen war dieſelbe; ebenſo wurde die entſittlichende Vertheilung der Lebensmittel fortgeſetzt, und um beides durch⸗ führen und außerdem die anſtürmenden Feinde durch fremde Söldner abwehren oder gar den Frieden von den Barbaren erkaufen zu können, mußte man das nöthige Geld durch ein räuberiſches Finanzſyſtem herbeiſchaffen. Namentlich die Staatsmonopole wirkten verderblich. Machte ſchon die Vertheilung der Lebensmittel die ver⸗ armte Maſſe arbeitsſcheu, ſo brachte die Monopoliſirung nicht nur von Luxusartikeln, wie Seide, ſondern auch der nothwendigſten Lebensmittel, wie Getreide, Oel, Wein, die arbeitende Bevölkerung um die Früchte ihres Fleißes. Die kornreichen Provinzen, namentlich Aegypten, mußten Getreide als Abgabe in die Magazine der Regierung liefern, und nur aus dieſen, nicht von den Producenten ſelbſt durften die Unterthanen kaufen. So konnte es nicht fehlen, daß in den Konſtantinopel nahe gelegenen Provinzen der Ackerbau ebenſo zu Grunde ging wie in Italien.

Nach dem Verluſte Aegytens durch die Araber ſah ſich die Hauptſtadt des bedeutend geſchmälerten Reiches hinſichtlich der Zufuhr von Lebensmitteln noch mehr als früher auf die Pontusländer angewieſen und wie vor⸗ dem die Hellenen holten die Byzantiner ihr Schlachtvieh und ihr Getreide von den nördlichen Küſten dieſes Meeres. Der Handel mit denſelben, unterbrochen durch die Völkerwanderung, in deren Stürmen alle griechiſchen Kolonien an der Nordküſte bis auf ſchwache Reſte auf der Krim zu Grunde gegangen waren, wurde wieder ſehr lebhaft. Dieſer Verkehr war der einzige in dem die Byzantiner auch noch in den Zeiten der Italiener aktiv auftraten. Sie fuhren ſelber nach der Krim, um Getreide und Schlachtvieh zu holen und namentlich auch um Fiſche theils einzuhandeln, theils ſelber zu fangen. Noch im Anfange des 13. Jahrhunderts ſollen 1600 griechiſche Fahrzeuge mit dem Fiſchfange beſchäftigt geweſen ſein. Aber der bedeutendſte Zweig ihres Aktiv⸗ handels, die Getreideeinfuhr, kam zuletzt auch meiſt in die Hände der Genueſen.

Auch für den Bezug der indiſchen Luxusgegenſtände war in Aegypten das Hauptemporium geweſen. Wie Alexandrien früher Italien verſorgt hatte, ſo richtete es jetzt ſeine Zufuhren nach Konſtantinopel. Daß da⸗ neben der Handel über Mittelaſien nicht aufhörte, erſieht man aus der bekannten Erzählung von der Verpflan⸗ zung der Seidenzucht nicht der Seideninduſtrie, die längſt in Griechenland heimiſch war nach Europa. Sie erfolgte im Jahre 550 nach Chr. auf Anlaß der Störung des Seidenhandels mit China durch die Perſer;