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zu berauben. Ihr Handel verdient eigentlich mehr den Namen Wucher; von einer Induſtrie als Grundlage des Handels iſt vollends keine Rede; ihre Nationalökonomie ging auf das Verzehren, nicht auf das Vermehren der Reichthümer. Was viele Geſchlechter fleißiger Menſchen um das Becken des Mittelmeers herum in einer ſtattlichen Reihe von Jahrhunderten gewirkt und geſchafft, hat Rom in einer Weiſe vergeudet, daß die Kultur des Mittelmeers nach einem Siechthum weniger Jahrhunderte an Entkräftung geſtorben iſt. Man iſt geneigt, ſich hier den Einwurf zu machen, daß die Völker, die Rom ſeiner Herrſchaft unterwarf, ſchon alle mehr oder weniger im Niedergange begriffen waren. Aber die Araber haben zwei Jahrhunderte ſpäter gezeigt, was ſich mit dieſen Völkern bei richtigem Verſtändniß für Handel und Gewerbe erreichen ließ.
Ein Handel exiſtirte allerdings nach wie vor auf dem Mittelmeere, ja ſogar ſtellenweiſe ein äußerſt leb⸗ hafter, da die ungeheuren Bedürfniſſe der Weltbeherrſcherin befriedigt werden mußten. Aber die Zufuhren nach Italien waren entweder Tribute der Provinzen oder wurden mit den Tributen der Provinzen bezahlt. Denn auszuführen hatte Italien bald ſo gut wie nichts. Das Ergebniß des Handels im Römerreiche konnte alſo nur ſein, daß einige der Provinzen einen Theil der Erpreſſungen wiedererhielten, und dieſem Umſtande verdanken ſie einen allmählich aber ſicher zurückgehenden Reſt von Kultur und Wohlſtand. Diejenigen, die ſich nicht durch beſondere Kunſtfertigkeit auszeichneten oder nicht von der Natur beſonders begünſtigt waren, ſei's dadurch, daß ſie eine günſtige Lage für den Handel beſaßen oder daß ſie vermöge ihrer Fruchtbarkeit Kornkammern von Italien waren, verarmten raſch— man denke nur an die Entvölkerung ſelbſt Griechen⸗ lands zur Zeit Plutarchs— die übrigen langſamer. So treten manche der alten Handelsſtädte noch immer als bedeutend hervor, wie Gades, Neu⸗Karthago, Maſſilia, Byzanz, Alexandrien und andere. Der Pontus, durch Byzanz vertreten, behauptet alſo an dem damaligen Handel ſeinen bedeutenden Antheil; aber alle übrigen Länder und Städte wurden doch weit überflügelt durch Aegypten und Alexandrien. Denn der Zufluß der indiſchen und arabiſchen Waaren über das Rothe Meer war durch nichts gehemmt, und ſeit der Mitte des erſten Jahrhunderts vor Chr. fuhren griechiſche Schiffe durch den Indiſchen Ocean nach der Malabarküſte. So mußten die zum Pontus führenden indiſchen Handelswege gegen dieſe kürzeſte und bequemſte Straße zurück⸗ treten. Durch den Kanal des Rothen Meeres floſſen denn auch die Edelmetalle, die ſich im Weſten an⸗ geſammelt hatten, ſo ſtark ab, daß ſchon unter den Nachfolgern Konſtantins ein Verbot der Goldausfuhr aus Italien erlaſſen wurde, natürlich vergeblich, da die Römer ſogar ihr tägliches Brot von der Fremde kaufen mußten und nur mit Gold bezahlen konnten. Der Einbruch der Germanen in die weſtlichen Länder des Reichs ließ dann die letzten Lebenskräfte ſich in dem Oſten zuſammendrängen. Bald kamen Aſien, Griechenland, Aegypten faſt außer aller Berührung mit dem Weſten und fanden ihren Mittelpunkt in Konſtantinopel. Handel und Gewerbe kamen hier zu einer gewiſſen Blüthe, und ſelbſt als das Vordringen der Araber Konſtantinopel von dem Verkehr mit Indien über das Rothe Meer abſchnitt und feindliche Politik im Bunde mit Religions⸗ haß die Scheidewand zwiſchen den Byzantinern und Arabern, welche den Handel in Aſien und Afrika zu der höchſten Blüthe brachten, aufrecht erhielt, riß doch der Faden des Verkehrs zwiſchen Indien und China einer⸗ ſeits und dem oſtrömiſchen Reiche andererſeits nie ab. Der Handel zwiſchen dem Abend⸗ und Morgenlande, dieſe Grundbedingung der Kultur des Alterthums wie des Mittelalters, wurde durch das oſtrömiſche Reich und vornehmlich durch ſeine Hauptſtadt Konſtantinopel lebendig erhalten, und ſo wurde das alte Byzanz, dieſe pontiſche Kolonie der Mileſier, die Vermittlerin der alten und neuen Kultur Europas.
Aber nicht bloß rettete das byzantiniſche Reich, indem es mit einer auffallenden Zähigkeit alle Erſchütte⸗ rungen der Völkerwanderung und des Araberſturmes überdauerte, die Bauſteine der alten Kultur und des Handels, ſondern Byzanz ſchwang ſich auch in der zweiten Hälfte des Mittelalters durch ſeine Lage zu einem Welthandelsplatze empor, an dem die weſtlichen Barbaren die Waaren des Abend⸗ und Morgenlandes um⸗


