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Hellenen den Handel auf den von der Natur vorgezeichneten an den Pontus mündenden Straßen in vollem Gange finden mochten. Ihre Anſiedler miſchten ſich mit den phöniziſchen und mit den Barbaren und drückten den emporblühenden Städten, die nun ganz unter griechiſchem Einfluſſe ſtanden, das Gepräge ihres über⸗ legenen Weſens auf.
Vor allen waren es die Mileſier, welche ſich die Koloniſation der Pontusgeſtade angelegen ſein ließen. Auf 75 und darüber wird die Zahl ihrer dortigen Kolonien angegeben. Viele gründeten auch die Megarenſer. Nicht wenige dieſer zahlreichen Anſiedelungen wurden bedeutende Städte, eben die, welche an den Mündungen der großen Handelsſtraßen lagen.
Die an der kleinaſiatiſchen Küſte weſtlich von Sinope gelegenen verdankten ihre Bedeutung der hohen Kultur ihrer Hinterländer: Lydien, Myſien, Bithynien, Phrygien, deren Erzeugniſſe ſie gegen die des pon⸗ tiſchen Nordens austauſchten. Aber bei ihnen wie bei den Kolonien an der Weſtküſte, der thrakiſchen, hatte der Handel bei weitem nicht eine ſo großartige Ausdehnung als bei den Kolonien an der öſtlichen Hälfte. Allerdings verkehrten die Städte an der thrakiſchen Küſte bis weit nach Möſien und Dacien hinein, wie uns eine beſtimmte Nachricht beweiſt von einem etwa in der Mitte zwiſchen dem Adriatiſchen Meere und dem Pontus gelegenen Markte, den griechiſche Kaufleute beſuchten, offenbar um mit den Barbaren jener Länder zu handeln.
Viel weiter aber reichte der Handel der Kolonien der öſtlichen Hälfte. Sie liegen alle unmittelbar an oder in der Nähe der Mündung großer Handelsſtraßen. So Olbia an der Mündung des Hypanis in den Liman des Boryſthenes, bedeutend namentlich wegen der Kornausfuhr aus dem Binnenlande und der Ueber⸗ landſtraße an das baltiſche Meer. Zahlreiche Funde griechiſcher Münzen nicht bloß in den benachbarten Län⸗ dern, ſondern ſelbſt im Netzegebiete und in den Küſtenländern der Oſtſee beweiſen die Ausdehnung und Rich⸗ tung dieſes Handels, der offenbar durch den Bernſtein hervorgerufen iſt. Daß die Münzen der älteſten Periode griechiſcher Münzprägung angehören, beweiſt, daß dieſer Handel ſchon früh ſtattgefunden hat.
Die zweite große an den nördlichen Ufern des Pontus mündende Handelsſtraße, die des Don, verräth ihre hohe Wichtigkeit gleich in der helleniſchen Zeit durch zahlreiche höchſt bedeutende Kolonien: Tanais, Panti⸗ kapaeon, Phanagoria, Theodoſia. Letztere diente hauptſächlich als Getreidehafen der Krim, die anderen drei dem bedeutenden Handel nach dem Norden. Die am weiteſten ausgedehnten Handelsverbindungen hatte ſeiner Lage gemäß Tanais. Daß dieſe ſehr weit ins Innere reichten, läßt ſich mit Sicherheit daraus ſchließen, daß Herodot die Völker bis weit in das Innere kennt. Denn der Stand des geographiſchen Wiſſens iſt die ſicherſte Urkunde für die Ausbreitung des Völkerverkehrs. Wie weit der Handel von Tanais in das Innere ging und welche Richtung er einſchlug, läßt ſich zwar nach den Angaben Herodots nicht ſicher beſtimmen; aber ſeiner entſchiedenen Verſicherung daß im Lande der Budinen, deren Gebiet 15 Tagereiſen von Tanais nach dem Inneren begönne, eine von Griechen bewohnte Stadt gelegen habe, iſt unbedingt Glauben zu ſchenken. Er trennt das, was er beſtimmt wiſſe, von dem Saggenhaften für dieſe Gegenden zu entſchieden, als daß wir dasjenige, was er als auf den Angaben von Augenzeugen beruhend hinſtellt, in Zweifel ziehen könnten. Seine fabelhaften Nachrichten ſind für uns jedenfalls inſofern beachtenswerth, als wir daraus erſehen, daß der Ver⸗ kehr noch weit über die Grenze ſeines beſtimmten Wiſſens hinausreichte. Und naturgemäß erſtreckt ſich in Zeiten wie die damaligen derſelbe weiter als die geographiſche Kunde reicht. Wenn ſich nun auch die Angaben Herodots nicht mit irgend welcher Sicherheit lokaliſiren laſſen, ſo geht doch die Richtung ſeiner verbürgten Angaben ganz deutlich von Tanais aus nach Norden und ſpäter nach Oſten, alſo wohl in das Gebiet der Kama und an den Ural. Bis dahin kamen nach Herodot die helleniſchen Kaufleute der pontiſchen Handels⸗
plätze ſelber. Was ſie ſo weit über Land führte, können nicht Produkte des Ackerbaues oder der Viehzucht 2*


