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der Oxusländer, weit älter als die phöniziſche, kann ohne Handel gar nicht gedacht werden, und ſomit kann man annehmen, daß die Waaren Indiens, Chinas und Baktriens ſchon früh an den Pontus kamen.
Die Verbindung Baktriens mit der Südoſtecke deſſelben war ja durch den Lauf des Oxus ins Kaspiſche Meer, durch den Kur und Phaſis von der Natur gewiſſermaßen vorgezeichnet. Man könnte ſich verſucht fühlen, zum Beweiſe die Argonautenſage anzuführen. Die Fahrt der Argonauten geht nach Kolchis, dem Punkte, wo die kürzeſte und bequemſte Straße aus Baktrien mündet; ſie geht aus von Jolkos am pagaſäiſchen Meerbuſen, an welchem ſich phöniziſche Faktoreien befanden. Das goldene Vließ deutet auf die Reichthümer, die Kolchis durch den Handel erworben. Was liegt näher, als daß die Argonauten ihren Lehrmeiſtern, den Phöniziern, folgend eine Handelsunternehmung nach dem reichen Kolchis machten? Damit wäre aber auch für die Phönizier ſelber der Verkehr mit Baktrien und China auf der genannten Straße bewieſen. Aber das Ziel, ja die ganze Richtung der Argonautenfahrt ſind urſprünglich ebenſo nebelhaft geweſen, wie die Wunder⸗ bilder der Odyſſee und erſt ſpäter bei deutlicheren geographiſchen Kenntniſſen fixirt. Daß man aber gerade Kolchis ſchließlich als das Ziel hinſtellte, ſcheint doch in dem Bewußtſein geſchehen zu ſein, daß es ein reiches Kulturland ſchon in ſo zu ſagen vorhiſtoriſcher Zeit war. Dieſe Kultur verdankte es ſicherlich ſeiner Lage an der Mündung des baktriſch⸗chineſiſch⸗indiſchen Straßenſyſtems.
Auf den Umfang und die Intenſität des phöniziſchen Handels im Pontus laſſen ſich auch ſonſt wohl aus den Vorgängen an deſſen Geſtaden zur Zeit des griechiſchen Verkehrs mancherlei Schlüſſe ziehen. Sicherlich haben die Phönizier wie überall, ſo auch an den Ufern des Schwarzen Meeres zahlreiche Faktoreien angelegt. Von einigen griechiſchen Städten am Pontus iſt nachgewieſen, daß die Griechen phöniziſche Anſiedler dort vor⸗ fanden, und man muß annehmen, daß nur der geringſte Theil der helleniſchen Kolonien am Pontus ganz neue Gründungen waren. Nur ſo läßt ſich erklären, daß in verhältnißmäßig kurzer Zeit von wenigen Städten aus eine ſo außerordentliche Menge von Pflanzſtädten gegründet werden konnte. Die griechiſchen Anſiedler müſſen aber auch den Verkehr mit dem Hinterlande ſchon eröffnet gefunden haben, ſonſt wäre ein ſo raſches Aufblühen der Kolonien in den Barbarenländern des ungaſtlichen Pontus auch kaum denkbar.
Aus allem dieſem läßt ſich auf eine umfaſſende Handelsthätigkeit der Phönizier an den pontiſchen Ge⸗ ſtaden ſchließen, um ſo mehr als dieſelben die Rohprodukte des Pontus bei ihrer umfangreichen Induſtrie und ihrem ausgedehnten Handel trefflich verwerthen konnten, und der Tauſchhandel mit den Barbaren, für welche die phöniziſchen Fabrikate ſehr werthvoll ſein mußten, ſicherlich ein außerordentlich gewinnreicher war. Als ſie dann, von den Aſſyriern in der eigenen Heimath aufs äußerſte bedrängt, den aufſtrebenden Griechen gegen⸗ über ihre Handelsherrſchaft im Aegeiſchen und Schwarzen Meere nicht länger behaupten konnten, übernehmen die letzteren die reiche Domäne des Pontus.
Mit überraſchender Schnelligkeit ſehen wir an ſeinen Geſtaden eine Menge helleniſcher Pflanzſtädte empor wachſen, über deren Gründung und Entwickelung wir aber wenig wiſſen. Die Ueberlieferungen der Griechen geben ja über die materiellen Intereſſen, von denen der Verkehr bedingt iſt, ſo außerordentlich wenig Auf⸗ ſchluß. Von vielen ihrer Kolonien wiſſen wir gar nicht, wie weit bei deren Gründung neben politiſchen Rück⸗ ſichten auch Handelsintereſſen im Spiele waren; bei den pontiſchen waren ſicherlich die letzteren maßgebend. Sie wurden gegründet im Laufe des 7. Jahrhunderts und ſpäter. Der Handel mit den Barbaren an den pontiſchen Küſten konnte nur durch Faktoreien und feſte Anſiedelungen geſichert werden. Erleichtert wurden ihnen dieſe durch vorgefundene Niederlaſſungen der Phönizier, die, abgeſchnitten vom Mutterlande, rings von Barbaren umgeben, vielleicht eine Verſtärkung durch griechiſche Anſiedler nicht ungern ſahen. Die Ablegenheit des Pontus von den Schauplätzen der großen Politik mochte ihnen eine verhältnißmäßige Ruhe und Sicherheit gewährt haben, ſo daß ſie den Verkehr mit ihren Hinterländern ungeſtört hatten offen halten können und die


