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Indien nicht nur in den letzten Jahrhunderten Roms, ſondern auch am Ende des Mittelalters zu einem wahren Nothſtande für Europa geworden war. War doch vom 14. bis 15. Jahrhundert der Werth der Edelmetalle in Europa gegen Getreide um das Doppelte geſtiegen, da die Erträge der europäiſchen Bergwerke den Abfluß nur zum Theil zu erſetzen vermochten, der, je mehr der Verbrauch der indiſchen Luxusgegenſtände in den reich gewordenen Städten Europas ſtieg, um ſo ſtärker werden mußte.
Kamen die bisher entwickelten Verhältniſſe dem Pontushandel mehr indirekt zu gute, ſo wirkten manche andere direkt darauf hin, ihm ſeinen Antheil am Welthandel zu ſichern. So zogen, ſchon lange ehe ein See⸗ verkehr zwiſchen Indien und China beſtand, die Karawanen von China— auf der Seidenſtraße— durch die Gobi über den Belurdagh nach den Ländern am Oxus und Jaxartes. Lange Zeit hindurch iſt dieſe Straße die einzige geweſen, durch welche Weſtaſien und Indien mit China in Verbindung ſtanden. Das verlieh der alten von Indien nach Baktrien und Sogdiana ziehenden Straße eine erhöhte Bedeutung: die werthvollen Erzeugniſſe Chinas floſſen in dieſen Ländern mit den über Kabul herangeführten indiſchen zu⸗ ſammen, und auch Baktrien ſelbſt lieferte geſchätzte Handelsartikel, namentlich Edelſteine. Für den Verkehr mit dem Mittelmeere und Europa waren dieſe außerordentlich wichtigen Handelscentren Aſiens durch die geo⸗ graphiſchen Verhältniſſe auf das Schwarze Meer angewieſen. Denn der Waſſerweg des Oxus, für den der Aralſee damals nur eine ſeitliche Erweiterung war, führte ununterbrochen ins Kaspiſche Meer, und auch bis zum Pontus war der Waſſerweg nur durch die kurze Strecke zwiſchen Kur und Phaſis unterbrochen. Vom Kaspiſchen Meere aus eröffnete ſich aber in der Wolga noch eine zweite Ader des Verkehrs, welche nur durch einen ſchmalen Landrücken, einen Tragplatz, von der zum Pontus hinabführenden Waſſerader des Don ge⸗ trennt iſt. Endlich wurde auch der Landweg von der Bucharei nach der Wolga, durch das große Thor zwiſchen dem Kaspiſchen Meere und dem Ural zu Zeiten viel benutzt, dieſe Eingangspforte für Völkerwanderungen, Kriegsheere und Karawanen. Zur Zeit, da die Genueſen auf dem Pontus das Uebergewicht erlangten, zogen Karawanen fränkiſcher Kaufleute von der Mündung des Don zu der der Wolga, von da durch die Wüſte zwiſchen dem Kaspiſchen Meere und dem Aralſee an den Oxus, weiter in nordöſtlicher Richtung auf die Dſungarei, das große Eingangsthor des hinteraſiatiſchen Hochlandes, und im Norden des Thianſchan durch die Gobi nach Peking. Für dieſen Handel mit China lag der Pontus ſelbſt günſtiger als das Rothe Meer und der perſiſche Golf, und die oben beſchriebenen chineſiſch⸗buchariſchen Straßen ſicherten ihm eine Bedeutung ſelbſt in Zeiten, in denen die geographiſchen Vorzüge des Rothen Meeres ungehindert und in voller Kraft wirkten.
Zu alle dem lieferten aber das Schwarze Meer und die auf den Verkehr deſſelben hingewieſenen Länder ſeiner Umgebung eine Menge äußerſt werthvoller Produkte, welche die Griechen frühzeitig beſtimmten, die ins Fabelhafte geſteigerten Gefahren des ungaſtlichen Pontus nicht zu meiden. Dieſe Produkte waren meiſtens ſolche, die nicht wie die Waaren Indiens nur dem Luxus dienten, ſondern mehr oder minder zum Leben un⸗ entbehrlich waren. So vor allem Sklaven, Getreide, Fiſche, Schlachtvieh. Ferner Schaafwolle, Häute für die Gerbereien, Talg. Dann die für den Schiffbau nothwendigen Materialien: Maſten, Balken, Planken und anderes Bauholz; Hanf und Flachs, Theer und Pech. Dazu Honig und Wachs in Fülle und endlich die aus dem fernen Norden und Nordweſten an den Pontus geführten, nicht weniger als die koſtbarſten Pro⸗ dukte Indiens begehrten Artikel: Pelzwerk und Bernſtein.
Dieſe Produkte, die zumeiſt aus der großen Tiefebene im Norden kamen, vertheilten ſich auf die ver⸗ ſchiedenen Pontusländer etwa folgendermaßen: Honig und das als Handelswaare ungleich wichtigere Wachs lieferten namentlich die heutige Moldau und Wallachei ſowie das Innere Rußlands, beſonders wohl, wie noch heute, die Ukraine. Das Bauholz bezog man nicht nur von der Südküſte, die auf der ganzen Strecke


