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Syrien zur Zeit der Mammelukenherrſchaft außerordentlich hoch. Verträge, welche die mediterraniſchen Han⸗ delsſtädte mit den Sultanen ſchloſſen, halfen nicht allzuviel, und die Despotenlaunen der letzteren brachten noch obenein dem Eigenthum der Kaufleute ſowie deren Perſon oft große Gefahren.
So erklärt ſich, daß ſelbſt die Straßen durch Centralaſien trotz des ungeheuren Umwegs zu Zeiten ſehr wohl mit dem Seewege nach Aegypten konkurriren konnten.
Der letztere bot außerdem noch andere Nachtheile für den Handel der Europäer. Indien war in jenen Zeiten Europa gegenüber ſo gut wie bedürfnißlos. Bedarf nach ausländiſchen Kleidungsſtoffen konnte ſchon des Klimas wegen kaum vorhanden ſein. Dazu hatte die Weberei ſeit Jahrtauſenden in Indien eine ſolche Vollkommenheit erreicht, daß europäiſche Gewebe wohl erſt in den letzten Zeiten des Mittelalters auf den indiſchen Märkten Käufer fanden. Wenn heutzutage europäiſche Baumwollengewebe einen bedeutenden Markt in Indien haben, weil ſie in Folge der Maſchinenarbeit, auch wenn der Rohſtoff aus Indien ſelbſt ſtammt, ſich dort billiger ſtellen als die einheimiſchen, ſo war das im Alterthum und Mittelalter ganz anders. Nah⸗ rungsmittel dem fruchtbaren Lande zuzuführen, machte nicht nur das heiße Klima, ſondern auch die hohe Fracht des langen Weges unmöglich. Die Hauptrimeſſe, welche die arabiſchen Zwiſchenhändler nach Indien brachten, waren Edelmetalle, und dieſe wurden in ſolcher Menge eingeführt, daß Indien, an ſich durchaus arm an denſelben, zu allen Zeiten für das goldreichſte Land gegolten hat. Die großen Kaufleute von Malakka, der Zwiſchenſtation zwiſchen den indiſchen Halbinſeln einerſeits und China und der indiſch⸗chineſiſchen Inſelwelt andererſeits, ſollen ihr Vermögen nach Centnern Goldes berechnet haben, als die erſten Portugieſen dorthin kamen. Außer Edelmetallen führten die Araber Pferde, leinene Gewebe, Waffen und ſonſtige Metallwaaren ein. Der wichtigſte Einfuhrartikel waren die Pferde, indem die einheimiſche Raſſe klein, häßlich und voller Mängel war und die eingeführten ſich raſch verbrauchten. Die leinenen Gewebe ſtammten aus Aegypten, das im Alterthum wie im Mittelalter Vorzügliches darin leiſtete; die Waffen bezogen ſie nebſt anderen Metall⸗ waaren von der Zanguebarküſte, wo man ſich auf Metallarbeiten vortrefflich verſtand. Europäiſche Waaren fanden die Europäer, die am Ende des Mittelalters nach Indien kamen, wenig vor auf den dortigen Märkten. Aegypten hatten ſie außer Geld— allein die venetianiſchen Galeeren brachten im 15. Jahrhundert jährlich 300,000 Dukaten nach Alexandrien— verhältnißmäßig auch wenig zu bieten. Nach den Produkten ihrer In⸗ duſtrie trug auch dies Land kein allzugroßes Verlangen; nur Waffen waren geſucht. Die ſonſtige Hauptein⸗ fuhr beſtand in Rohſtoffen, die noch dazu meiſt ſehr voluminös waren: Bauholz, Metalle und Sklaven. Der Verkehr mit den ſyriſchen Handelsplätzen— Damaskus, Aleppo— ſtellte ſich in dieſer Hinſicht im Mittel⸗ alter, von dem das eben Geſagte hauptſächlich gilt, weit günſtiger. Hier bezahlte z. B. Venedig namentlich mit den Produkten ſeiner Seiden⸗, Wollen⸗ und Glasinduſtrie. Auch in den pontiſchen Handelsplätzen werden in dieſer Hinſicht günſtigere Verhältniſſe für die Handelsſtädte des Mittelmeeres ſtattgefunden haben. Auf dem weiten Ueberlandwege nach Indien werden die europäiſchen Fabrikate einen beſſeren Markt gefunden haben als in Aegypten und am Rothen Meere, und die Länder des Ueberlandweges beſaßen werthvolle Ausfuhr⸗ artikel, beſonders das baktriſche Land, der nächſte Stapelplatz des indiſchen Handels nach Norden, das mit ſeinen eigenen Produkten die Waaren Indiens wohl zu erwidern vermochte. Auch hier ſpielen Pferde die erſte Rolle. Der Handel mit denſelben durch die Keyber⸗Päſſe zählt nach Jahrtauſenden, und die Einfuhr auf dieſem Wege war jedenfalls natürlicher und mit weniger Gefahr verbunden, als die der Araber zur See. Sie kamen meiſt aus den Oxusländern, und ſelbſt aus dem ſüdlichen Rußland wurden z. B. im 14. Jahr⸗ hundert Pferdeheerden von 6000 Stück nach Indien getrieben.
Was alſo die Geldausfuhr anlangt, ſo ſtellte ſich der Handel der Europäer über Aegypten entſchieden am ungünſtigſten, und dieſer Umſtand fiel nicht gering ins Gewicht, da der Abfluß der Edelmetalle nach


