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welche ſie dem Waarentransporte entgegenſetzten, ſo tritt auf den erſten Blick die außerordentliche Bevorzugung der Straße durch das Rothe Meer hervor. Darum ſehen wir auch den Hauptſtrom des Weltverkehrs, wenn er durch anderweitige Verhältniſſe von dieſer kürzeſten Bahn abgelenkt war, immer wieder in den Kanal des Rothen Meeres zurückfluthen. So in den Zeiten der Ptolemäer, ſo nach mancherlei Irrungen auch in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters. Ja ſelbſt in unſeren Tagen haben wir trotz der gänzlich veränderten Verhältniſſe dieſe alte prädeſtinirte Straße ſich wieder beleben ſehen.
Am ungünſtigſten dagegen für den indiſch⸗europäiſchen Verkehr iſt offenbar der an dem Pontus mündende, weit längere und beſchwerlichere Ueberlandweg; nichtsdeſtoweniger behauptet er bis zum Schluſſe des Mittel⸗ alters nicht nur fortwährend eine gewiſſe Bedeutung im Welthandel, ſondern zeitweilig ſelbſt ein entſchiedenes Uebergewicht über die anderen Straßen. Zu dieſem Ergebniß wirkten Urſachen der verſchiedenſten Art, theils vorübergehende, theils bleibende zuſammen.
Manche Waaren vertrugen einen längeren Transport zur See nicht gut. Der auf dem Ueberlandwege bezogene Ingwer z. B. wurde deshalb 10—20 Proc. theurer bezahlt als zu Alexandria. Bei andern mochte das Vorurtheil dieſelbe Wirkung hervorbringen. Hatten doch auch die Portugieſen, als ſie die auf dem See⸗ wege ums Cap geholten Gewürze und andere Waaren Indiens auf den Markt zu Antwerpen brachten, der damals die beſte Abſatzgelegenheit bot, erſt die Konkurrenz der Italiener zu beſiegen. Trotz weit höherer Preiſe fanden die Venetianer bis tief ins 16. Jahrhundert hinein noch Käufer für ihre über die Levante bezogenen indiſchen Waaren, weil man in Deutſchland und den Niederlanden lange das Vorurtheil hegte, ihre Waaren ſeien beſſer als die der Portugieſen. Gerade der höhere Preis ſchien dieſes Vorurtheil zu beſtätigen. Die Venetianer und Genueſen thaten auch das Ihrige um dieſen Glauben zu erhalten, und daß ſolche Anſichten, ſelbſt wenn ſie völlig unbegründet ſind, oft ganz die Wirkung reeller Gründe haben, beweiſt unter anderen der Umſtand, daß noch lange Zeit nach Entdeckung des Seeweges nach Oſtindien und der Verpflanzung des Zuckerrohrs nach Weſtindien Marſeille ſeinen Zucker aus der Levante kommen ließ, obgleich er viel theurer ſein mußte als der amerikaniſche. Wohl weniger, weil es auf ſeine alt herkömmlichen Bezüge nicht verzichten wollte, als weil man glaubte, der levantiſche ſei beſſer.
Beachten wir in dieſer Hinſicht noch weiter, daß der Welthandel in jenen Zeiten noch wenig zum maſſen⸗ haften Austauſche von eigentlichen Lebensbedürfniſſen diente, ſondern hauptſächlich nur dem Kitzel und der Ueppigkeit der Großen oder der hoffährtigen Verſchwendung der reichen Mittelklaſſen in großen Handelsſtädten, ſo wird es um ſo erklärlicher, wie die oben genannten Vorurtheile ganz die Wirkung wirklicher Thatſachen her⸗ vorbringen konnten.
Waren nun bei manchen Artikeln die genannten Umſtände maßgebend, ſo war es bei andern in der That gleichgiltig, ob ſie den längeren Land⸗ oder den kürzeren Seeweg machten, nämlich bei ſolchen, die Koſtbarkeit mit geringem Gewichte vereinigten, bei denen alſo die Transportkoſten nicht viel verſchlugen.
Ein anderes Gegengewicht gegen die Vertheuerung durch den koſtſpieligeren Transport auf dem längeren Ueberlandwege bildeten die koloſſalen Zölle, die zu Zeiten im Rothen Meere und in Aegypten entrichtet werden mußten. Von Dſchidda nach Alexandrien wurden in der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts von man⸗ chen Waaren mehrere Zölle von je 5 oder 10 Proc. erhoben. Die Mäklergebühren waren auch außerordent⸗ lich hoch. Der Transport durch die Wüſte an den Nil war Monopol der Regierung, und dieſe nahm einen achtmal höheren Frachtpreis als die gewöhnlichen Kameeltreiber. Dazu kamen noch andere Monopole, die in einer Weiſe ausgebeutet wurden, daß ſie im Verein mit jenen Zöllen den gänzlichen Verfall des ägyptiſchen Handels nach ſich zogen, den die Portugieſen ſpäter nur vollendeten und zu einem dauernden machten. Das eben Geſagte gilt zwar nur von der angegebenen Zeit; aber überhaupt waren die Zölle in Aegypten und


