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Der Stoff des Religionsunterrichtes bleibt auch hier der christliche Glaube nach seinen bei- den Seiten der Geschichte und Lehre. Aber die Lehre wird hier aus zwei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, sofern sie in der h. Schrift enthalten ist und aus ihr zur Kir- chenlehre sich entwickelt hat, und sofern sie einen innerlichen auch dem Denken zugängli- chen Gedankenzusammenhang in sich trägt. Dem Zöglinge erwacht das Bedürfniss zu wis- sen, ob sein Glaubensinhalt, den er unter Anleitung des Katechismus mit Hinweisung auf Bibelstellen und ihre Erklärung gewonnen hat, auch mit dem Geiste des N. Testamentes über- haupt eins sei. Das N. Testament ist ihm daher nach seinem wesentlichen Inhalte aufzu- schliessen. Hat er über diesen Inhalt Einsicht gewonnen, so bleibt nur noch übrig, die Re- sultate der h. Schrift in Verbindung mit den einzelnen Dogmen der Kirche in Gedankenzusam- menhang zu bringen und dem Zöglinge ein klares Bild des christlichen Bewusstseins zu geben, an welchem er die Tiefe, Innigkeit und Kraft seines eigenen Glaubens messen kanmn(.
Der Religionsunterricht in den obern Klassen muss daher wiederum ausgehen von der Geschichte, anknipfen an die Erscheinung Christi auf Erden, aber diese Thatsache i in ihrem welthistorischen Zusammenhange darstellen. Sie hat ihre Vorbereitung im Judenthume durch seine verschiedenen Stufen, welche in's Christenthum hinüberweisen, aber auch im Heiden- thume. Die religiöse Entwickelung der vorchristlichen Welt zum Christenthume hin ist da- her nachzuweisen, doch stets an Individuen als Trägern dieser Entwickelung. Darauf ist Christus zu zeichnen als der, in dem alle religiöse Entwickelung ihr Ziel, ihren Endpunkt gefunden hat. Er erfüllt die Sehnsucht des Juden- und Heidenthums durch Gottes unmittel bare Offenbarung in ihm. Alsdann ist zu zeigen, wie die Idee der Erlösung, in dem Gottes- und Menschensohne der Menschheit zum Bewusstsein gebracht und durch ihn in ihr realisirt, sich Eingang verschafft in's Leben der Völker, eine Gemcinde und Kirche stiftet, und wie diese, indem sie sich verbreitet, mehrere Stadien durchläuft, bis sie in der protestantischen Kirche frei wird von heidnischen und jüdischen Elementen. Durch diese Entwickelung erfährt der Zögling, woher er seinen Glauben genommen und in welchem Zusammenhange er mit dem Ur- christenthume, also mit Christo selbst stehe. Individuen missen auch hier die Fortbewegung der Zeiten anschaulich machen. Eine Geschichte der Lehrentwickelung ist durchaus auszu- schliessen, doch der Cultus nach seinen Modificationen in dem Laufe der Zeiten zu schildern, weil ja im Cultus das religiöse Leben der Gemeinde sich objectivirt.
Durch die Darstellung des Reiches Gottes in seiner historischen Entfaltung ist der Zögling in Verbindung mit dem Urchristenthume gebracht. Diese ist indess für seine reli- giöse Erkenntniss nur eine äussere. Innerlich wird sie ihm, wenn nun auch der Glaubens- inhalt, den er von der Kirche empfing, mit dem Urchristenthume in Zusammenhange ge- bracht wird. Im Katechismus-Unterricht war diese Verbindung freilich schon vollzogen, aber nur durch einzelne Bibelstellen. Jetzt verlangt der Zögling, den innern Geist der Stel-


