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Kirche ihm durch den Unterricht zum Bewusstsein, und macht ihm dadurch den Glauben gewiss.
Wie der Unterricht als eine geordnete, in sich zusammenhängende Thätigkeit dann über. haupt erst beginnen kann, wenn das Kind in dem Vaterhause so weit geistig entwickelt ist, dass es sich sammeln, aufmerken und dem Unterrichte folgen kann, so setzt der Unterricht im christlichen Glauben, da er den Glauben mittheilen soll, eine jenseits der ersten Stadien des sich entwickelnden Bewusstseins liegende geistige Reife voraus. Es ist nichts Leichtes, zur Selbstbetrachtung zu gelangen, ohne die der Glaube nicht lebendig werden kann; nichts Leichtes, sich selbst und die Welt auf den Einen Herrn zu beziehen und durch ihn sich bestim- men zu lassen. Es gehört dazu die Geschicklichkeit geistiger Operation; ohne sie kann der der menschlichen Natur inhärirende religiöse Trieb kein bewusster werden, Ehe der Mensch sich bewusster Weise zu Gott in Verhältniss stellen kann, muss er gelernt haben, sich über- haupt zu dem Objecte in Verhältniss zu stellen. Die Empfindung, in welcher Bewusstsein und Object noch zusammenfallen, muss mittelst der Aufmerksamkeit zur Anschauung erhoben und kraft des Gedächtnisses und der Erinnerung zur bewussten Vorstellung von dem Objecte entwickelt werden. Hat das Kind das Bewusstsein von dem Objecte überhaupt gewonnen, so kann es sich doch von dem unendlichen Objecte, welches Gott ist, dann erst trennen, wenn es kraft seiner Phantasie zu der Anschauung eines das Ich in seinem Da- und Sosein bedingenden unendlichen höheren Lebens fortgebildet ist. Es kann dies Leben in aller seiner Mannigfaltigkeit, in allen seinen Manifestationen, in denen es ihm zuerst anschaulich wird, nicht zurückführen auf eine Einheit, bevor nicht der Verstand geübt ist, Begriffe, Urtheile und Schlüsse gebildet sind. Sollte der Religionsunterricht dies Erziehungsgeschäft, welches durch Unterricht vermittelt wird, übernehmen und sich eben so mit der Bildung des Bewusst- seins überhaupt, wie mit der Ausbildung des Gottesbewusstseins beschäftigen, so würde er entweder sich selbst aufheben, oder den Glaubensinhalt als einen blossen Uebungsstoff des Geistes behandeln missen. Dadurch würde aber die Dignität des Religiösen unendlich leiden, denn gegen den Glaubensinhalt als Wahrheit müssten Lehrer und Schüler ganz in- different sich verhalten, was doch niemals der Fall sein darf.*) Es fordert daher der Religionsunterricht einen Unterricht, durch welchen die geistige Kraft des Kindes gebildet
*) Schon aus diesem Grunde verfährt Eyth(Klassiker und Bibel ete. Basel 1838. 39.) nicht pädago- gisch, wenn er verlangt, dass die Lehrbücher der klassischen Sprachen ihren Inhalt auch aus dem Ge- biete der christlichen Religion entlehnen möchten. Die religiöse Geschichte und Wahrheit darf nie in einem rein äusserlichen Verhältnisse zu uns stehen, nie ein äusserliches Mittel für einen eben so gut auf andere Weise zu erreichenden Zweck sein.


