heisst es Christenthum; seit seiner Erscheinung voll Herrlichkeit in Wahrheit und Gnade ist es da in der Welt, in keinem Einzelnen freilich wie in ihm selbst dem Anfänger und dem Vollender! Das Christenthum oder das religiöse Leben, wie es in Christo war, wird in dem Einzelnen geistig geschaffen, indem er sich der erlösenden Gnade des Erlösers ergiebt und vom heiligen Geiste erfüllt wird. Wäre es nun denkbar, dass der Erlöser in der Welt mit der Bestimmtheit seines religiösen Lebens ohne Einfluss auf Einzelne und Viele geblieben wäre, dann wäre freilich das Christenthum nur in ihm gewesen und hätte keine Gemeinschaft gestiftet, dann wäre aber auch in ihm die absolute Religion nicht zur Erscheinung gekommen. Denn so nothwendig es ist, dass die absolute Religion allen religiösen Bedürfnissen der mensch- lichen Natur genügen muss, so gewiss ist es auch, dass sie erschienen Viele und im Laufe der Zeiten Alle an sich ziehen muss. Vermöchte sie dieses nicht, so wäre entweder kein religiöser Trieb in der Menschheit vorhanden, ohne welchen der Begriff der absoluten Reli- gion ein nichtiger ist, den sie mithin voraussetzen muss,— oder da dieser da ist, wie es die Geschichte und das Bewusstsein des Einzelnen lehrt, so hätte sie nicht die Kraft, den religiö- sen Trieb bis dahin zu entwickeln, dass dieser seine volle Befriedigung in ihr selber sucht: sie wäre nicht die absolute. In dem der menschlichen Natur wesentlich inhärirenden religiö- sen Triebe liegt daher die Möglichkeit, dass die absolute Religion Einzelne für sich gewinnen und an sich ziehen kann, in dem Verhältnisse des Christenthums zu diesem Triebe die Gewiss- heit, dass dies geschehen wird. Sind aber Einzelne durch die absolute Religion bestimmt, so kommt unter ihnen auch eine Gemeinschaft zu Stande. Die Gleichheit der religiösen Ge- fühle, Vorstellungen uud Zwecke verbindet sie mit einander, zunächst freilich nur innerlich, dass sie, wo sie sich auch treffen, sich auch erkennen und eins mit einander wissen. Aber diese Einheit stellt sich auch äusserlich dar. Die Gleichgesinnten überlassen nicht dem Zu- falle ihre Berührung: sie suchen sich auf, um das, was der Einzelne nicht vermag, in Ge- meinschaft mit den Uebrigen zu erreichen. Es giebt ja trotz des Einen Geistes mancherlei Gaben. So entsteht eine Gemeinde, so entstehen viele Gemeinden. Erst als Glied solcher Gemeinde weiss man, ob man den Geist hat, ob man ein Christ ist.
Die Zwecke der Gemeinde sind dieselben, welche der Einzelne hat. Sie will die neue, die christlich-religiöse Bestimmtheit des Lebens einführen in alle natürlichen d. h. in alle ohne das Christenthum aus dem Begriffe der menschlichen Natur sich entwickelnden Verhält- nisse des menschlichen Lebens. Diese finden sich vor im Gebiete der Familie und des Staates. Die Gemeinde, die Kirche will der Familie und dem Staate einen solchen Impuls geben, dass alle Thätigkeiten jener und dieses ein wahrhaft sittliches d. h. christlich-religiöses Gepräge an sich tragen, so dass die Kirche, die Familie und der Staat zusammenfallen können, in so fern die Glieder der Familien und des Staates zugleich Glieder der Kirche sind und sie, was sie als Glieder jener beiden Gemeinschaften thun, sich bewusst sind, zugleich im Geiste der
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