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Zu Schillers Wallenstein. Abraham a S. Clara Anteil an der Kapuzinerpredigt in "Wallensteins Lager"
Entstehung
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10 nicht angehe, ihn cher auftreten zu lassen, als bis man von den Soldaten durch diese selbst einen Begriff bekommen habe, desgleichen auch, dass es nothwendig sei, dass der Predigt eine bunte, belebte Szene nicht nur vorausgehe, sondern eine gleiche unmittelbar auch nachfolge. Und da letztere überdies eine reiche Handlung entfalten sollte, so war sein Vor- schlag, die Predigt entweder unmittelbar vor dem Auftritt des Rekruten, oder, was ihm noch lieber war, vor der Ertappung des Bauern und dem Auflauf im Zelt anzubringen. ²s⁸) Dabei erfuhr auch die der Predigt vor- angehende Szene aine nicht unbedeutende Bercicherung. Der Dichter brachte nämlich noch einen Spielmann an später kamen an dessen Stelle Bergknappen und liess seine Wallensteiner mit der Marketen- derin und der Aufwärterin wacker kreisen. Nun aber hat der Kapuziner das Unglück, bei seinem Eintritt in die Marketenderbude dem tanzlustigen Jäger statt des entwischten Mädchens in die Arme zu fallen; ist es da nicht ganz natürlich, dass dieses Urbild eines burlesken Volkspredigers, zu dessen Abconterfeiung Abraham in den schönsten Momenten seiner übersprudelnden Laune dem Dichter Modell gesessen, seine Strafpredigt damit einleitet, dass er im Bewusstsein seiner übergeordneten Macht- stellung als Seelenhirt mit schneidender Kälte in das Johlen und Jauchzen seiner sündigen Schäflein einstimmt?

Diese Art von Introduction, um daun in Kraftausdrücken seinem Unmuth Luft zu machen und die Untergebenen die ganze Schwere ihres Vergehens fühlen zu lassen, ist wie gesagt ganz natürlich und im Munde eines Ungebildeten auch völlig unverfänglich; allein sobald sich ihrer ein Gebildeter bedient, wird die Sache doch bedenklich. Und nun gar ein Geistlicher in der Ausübung seines heiligen Berufsamtes, ²⁹) womit wir immer den Begriff des Würdevollen im Auftreten verbinden! ³⁰) Da

²s) Dadurch, meinte er, werde an der übrigen Oekonomie gar nicht gerückt; es sei nur ein Stichwort zu verändern. Die Paar Reden aber, welche die Soldaten darin bekommen, seien in ein Paar Minuten gelernt. Und sie wurde auch wirklich an der ge- wünschten Stelle eingeschoben.

²⁹) Eine Marketenderbude ist zwar nicht der Ort dafür; allein man darf nicht vergessen, dass unser Pater mit einem Volk zu thnn hat, welchesdie Predigt schwänzt und die Mess und dass ihm daher völlig gleichgiltig sein kann, wie und wo er es bei- sammen bekommt. Zudem ist es auch noch der Tag des Heren; er betritt daher die Bude mit dem festen Vorsalz, den Soldaten für ihr gottloses Treiben derb den Text zu lesen.

³⁰) Palmer statuirt hier in Bezug auf die katholische Geistlichkeit eine Ausnahme. Nach ihm erfrent sich der katholische Priester eines so echten und wahrhaft unver- wüstlichen Charakter indelebilis, dass er ihm selbst durch ciniges Plebejische in seiner Haltung nichts anhaben könne. In Folge dessen sei unter dem katholischen Volke die Achtung vor dem geistlichen Amte völlig unabhängig von der pezsönlichen Haltung des Mannes und dürfe sich der katholische Prediger Vieles erlanben, was ein Anderer, beispielsweise ein protestantischer, geradezu unter seiner Würde erachten müssc. Geist- liches und Weltliches p. 256 ff.