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raten. Piccolomini, der einige Tage nach der Unterzeichnung des Reverses das Hauptquartier verlassen hatte, scheint zunächst mit Gallas noch auf eine Umkehr des Herzogs gehofft zu haben, vertrat aber dann nach einer Zusam- menkunft mit Aldringen, der schon längst gegen seinen Oberfeldherrn Ver- dacht geschöpft hatte und deshalb nie im Hauptquartier erschienen war, wie dieser die radikale Ansicht, man solle durch einen kühnen Handstreich auf Pilsen„Haupt und Glieder der Rebellion“ mit einem Schlage vernichten. Schließlich kam man überein— die Generäle standen in lebhafter Korrespon- denz mit einander— in Wien genauere Instruktionen betreffs der Ausführung der Exekution zu verlangen. Da gab nun Ferdinand II., der sich in dieser Zeit in furchtbarer Erregung befand, Anfang Februar durch den spanischen Ge— sandten ORate, der schon längst dazu geraten hatte, den Generälen den Be- fehl, sich Wallensteins durch Gefangennahme oder Tod zu versichern; das war kein Mord-, sondern ein Haftbefehl. Nur wenn Wallenstein durch Widerstand oder Flucht der Verhaftung sich entziehen wollte, sollte sein Leben nicht ge- schont werden. Gegen den Kaiser kann deshalb kein Vorwurf erhoben werden; er befand sich in nächster Gefahr und es gab kein anderes Mittel, sich davor zu sichern. Ebenso wenig kann er getadelt werden, daß er darnach noch bis Mitte Februar mit Wallenstein im dienstlichen Verkehr blieb. Er bediente sich dabei zu seiner eigenen Sicherheit gegen den Herzog einfach derselben Mittel, welche dieser, um ihn zu täuschen, jahrelang gegen ihn angewendet hatte.
Die Ausführung des Befehls, sich Wallensteins durch Gefangennahme oder Tod zu bemächtigen, gestaltete sich begreiflicherweise überaus schwierig. Da der Generalissimus für den 9. Februar seine höheren Offiziere abermals zu einer Versammlung nach Pilsen berufen hatte, So wollten die Generäle diese Gelegenheit benützen, sich des kaiserlichen Auftrages zu entledigen. Gallas verweilte immer noch in Pilsen, Piccolomini erschien wie die meisten Offiziere erst am 12. oder 13. d. M., nur Adringen fehlte auch diesmal. Allein der Plan mußte fallen gelassen werden; ein direkter Angriff auf Wallenstein in seinem Hauptquartier erwies sich als undurchführbar, man mußte trachten, ihm indirekt beizukommen: durch Gewinnung der Armee von außen her.
Gallas benützte demnach gern den Auftrag Wallensteins seinen Schwager Aldringen zu holen, um sich von Pilsen zu entfernen, unterfertigte aber un- mittelbar vor seiner Abreise, am 13. Februar, noch den Befehl, wonach fortan nie- mand mehr Wallenstein, Ilow und Tréka gehorchen, sondern seine sowie Aldrin- gens und Piccolominis Anordnungen befolgen sollte; letzterer hatte die Aufgabe diesen Befehl einzelnen vertrauenswürdigen Offizieren noch in Pilsen mit- zuteilen. Piccolomini wagte dies aber nicht, und unter dem Vorwand, Gallas und Aldringen holen zu wollen, verließ auch er am 15. Februar das sinkende Schiff. Ein geheimes Einverständnis zwischen den beiden Generälen ist unverkennbar.
Erst als Gallas und Piccolomini sich außerhalb des unmittelbaren Macht- bereiches des Generalissimus befanden, wurde der Befehl vom 13. Februar und ein späterer ähnlichen Inhalts der Armee bekannt gegeben. Der Erfolg war ein überraschender. Fast sämtliche höheren Offiziere, selbst die Oberstleutnants der vier Tréka'schen Kavallerieregimenter, blieben dem Kaiser treu. Nun erst wurde gegen Wallenstein von allen Seiten Front gemacht. Marradas über- nahm die Führung über die Truppen in Budweis und Tabor, de Suys in Prag, Colloredo in Schlesien und Piccolomini sollte mit 3000 Reitern eine Ka- valkade gegen Pilsen unternehmen, wohin ihm Gallas aus Oberösterreich fol- gen wollte; Aldringen wurde zur Berichtersattung nach Wien geschickt. Da ließ man auch hier die Maske fallen.


