man fortan kaum mehr noch an der Ansicht festhalten können, Wallenstein habe während seines zweiten Generalates zunächst aus politischen Gründen als deut- scher Reichsfürst einen gerechten Frieden und für sich eine dominierende Stel- lung im Reiche herbeiführen wollen und sei erst durch die Machinationen seiner persönlichen Feinde des Kurfürsten Maximilian von Bayern und der spanisch- jesuitischen Partei am Wiener Hofe gegen seinen Willen in die Arme der Feinde getrieben worden: vielmehr ist der Herzog gleich nach seiner Absetzung in Regensburg im Jahre 1630 vor allem aus Rache und Herrschsucht zum Verräter am Kaiser geworden. Rasin ist ein durchaus glaubwürdiger Zeuge; ein volles Verständnis des Problems kann erst im Rahmen der böhmischen Geschichte der Zeit gewonnen werden. Ganz neu und überraschend ist die Ansicht Pekafs, die Wallensteinfrage sei eigentlich eine Arnimfrage. Arnim, der schlaue sächsische Feldherr und Staatsmann, habe im Sinne seiner und seines Kurfürsten Politik, einen dauernden Frieden herbeizuführen und dabei den ehrlichen Makler zu spielen, den Kaiser schonen und infolgedessen Wallensteins Pläne durch- kreuzen, ihn täuschen müssen. Indes wirken die für diese Ansicht angeführten Gründe nicht ganz überzeugend.
Die beachtenswertesten Arbeiten zur Wallensteinfrage lieferte zuletzt Ritter: Wallensteins Untergang, 1906; und zusammenfassend auf Grund vieler Vorarbeiten: Geschichte des 30jährigen Krieges, 3. Band, 1908. In seinen Resul- taten berührt sich Ritter vielfach mit Pekaf.
Günters Werk, Die Habsburger-Liga 1625—35, 1908, ist wichtig für die spanische Politik der Zeit, enthält aber vielfach haltlose Behauptungen.
Eltsers Piccolomini-Studien, 1911, und Parnemanns Briefwechsel der Generale Gallas, Aldringen und Piccolomini im Jänner und Februar 1634, bringen nichts wesentlich Neues. Elsters Arbeit ist ein mißglückter Versuch einer Rein- waschung Piccolominis von dem Verrat an Wallenstein.
Mit dem kritischen Uberblick über die wichtigsten Literaturwerke und Urkundensammlungen ist der jetzige Stand der Wallensteinfrage gegeben. Die vielerörterte Frage, ob Wallenstein ein Verräter gewesen sei, ist unbedingt zu bejahen und das Wesen des Problems besteht heutzeutage nurmehr in der Frage: Wie ist Wallenstein zum Verräter geworden? Und darüber, also über das„Wie“ seines Verrates, sind die Akten noch nicht geschlossen und werden es wahr-— scheinlich niemals sein, vor allem aus dem Grunde, weil das vorhandene Quellen- material noch große Lücken aufweist— viele Aktenstücke sind absichtlich be- seitigt worden— und weil, wie die letzten archivalischen Nachforschungen be- weisen, wenig Hoffnung vorhanden ist, daß sie jemals ausgefüllt werden könnten.“ Wie weit aber trotzdem die neueste Forschung ihrer Aufgabe, die Keime der Schuld Wallensteins aufzudecken und ihre Entwicklung bis zur Egerer Katastrophe klar zu legen, gerecht geworden ist, soll in den Hauptum- rissen gezeigt werden.
Die Ansicht, daß Wallenstein schon während seines ersten Generalats (1625— 30) antikaiserliche Pläne verfolgt habe, läßt sich quellenmäßig nicht be- legen und entbehrt einer ausreichenden Motivierung; das ganze vorhandene, gravierende Material bezieht sich auf die Zeit von 1630—34, auf die Zeit nach der Absetzung Wallensteins zu Regensburg. Erst die Augusttage des Jahres 1630 führten eine völlige Anderung seiner bisherigen Stellung zum Kaiser herbei. Ein Mann von so cholerischem Charakter, von so großem, durch die bisherigen
¹ Vergl. Archivalien zur Neueren Geschichte ôsterreichs, I. Bd., I. Heft, Wien 1907, 2. und 3. Heft, Wien 1909.


