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Die Wallenstein-Frage. Vortrag
Entstehung
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Der erste namhafte Verteidiger Wallensteins zu Beginn des 19. Jahr- hunderts ist Förster, der in mehreren Werken die Unschuld seines Helden zu erweisen sucht. Rasins Bericht ist nach ihm ein großes Lügengewebe, Wallen- steins Verhandlungen mit den Feinden waren nur auf deren Täuschung berechnet, seine wahre Absicht war die Herbeiführung eines gerechten Friedens; er fiel schließlich als Opfer spanisch-iesuitischer Ränke am Wiener Hofe. Försters Auf- fassung blieb für alle späteren Apologeten Wallensteins maßgebend. Sein Ver- dienst ist, eine Fülle von neuem, wichtigen Material aus zahlreichen deutschen und österreichischen Archiven gesammelt zu haben.

Försters liberal-protestantischer Standpunkt veranlaßte die beiden katho- lischen Geschichtschreiber Aretin und Hurter auf Grund eines von ihnen beson- ders in München und Wien gefundenen reichen und gravierenden Urkunden- materials als Ankläger Wallensteins aufzutreten. Ihnen folgten Roepell, Helbig, Dudik und andere.

Zu den Anklägern des Herzogs von Friedland muß auch Ranke, der Alt- meister deutscher Geschichtschreibung, mit seiner Geschichte Wallensteins zuge- Zählt werden; freilich legt auch er, ähnlich wie Schiller, dem Verrate Wallen- steins mehr ideale politische Motive unter. Rankes Werk bedeutet in der Wallensteinfrage insofern einen Fortschritt, als er zum erstenmale die Lösung des Problems im Rahmen der großen europäischen Politik versucht hat.

Nach Förster nahmen den Standpunkt einer grundsätzlichen Verteidigung Wallensteins die beiden deutschböhmischen Historiker Hallwich und Schebek ein; das höchste Ziel ihrer Forschungen bildete und bildet geradezu eine Glori- fizierung Wallensteins.

Hallwich veröffentlichte besonders in seinem Hauptwerke: Wallensteins Ende, 1879, eine überaus große Menge von neuem Material für die Geschichte der Jahre 1633 und 1634, kam dabei aber zu dem merkwürdigen Schluß, daß, weil darin für seinen Helden seiner Ansicht nach nichts Belastendes vorkommt, auch seine Treue gegen den Kaiser damit erwiesen sei. Dabei darf aber nicht über- sehen werden, daß wenige Jahre später gerade in den Archiven, die Hallwich eingehend benützt hat, von anderen Forschern noch bedeutendes Material zur Belastung Wallensteins gefunden wurde. Der von Hallwich angekündigte dritte Band seiner Publikation, der unter dem TitelWallensteins Verrat schon 1883 hätte erscheinen und alle Widersacher des Herzogs vernichten sollen, ist bis heute, also nach 30 Jahren, noch nicht erschienen. Statt dessen gab Hallwich Ende 1910 drei mächtige Bände heraus mit dem Titel: Fünf Bücher Geschichte Wallensteins, wo er aber nur bis zum Jahre 1620 gelangt, folglich für die Lösung der Schuldfrage wenig beitragen kann. Die für die letztere wichtige Zeit von 1630 34 soll später in noch 2 weiteren Bänden behandelt werden. Interessant sind aber schon jetzt die Worte Hallwichs, mit denen er selber das Resultat seiner neuesten Forschungen über Wallenstein zusammenfaßt(5 Bücher Gesch. Wallensteins, III. Bd.Zum Geleite).Die es am besten mit ihm(Wallenstein) meinten, schreibt er,sSeine sogenannten Retter, waren beflissen, einen UÜber- menschen aus ihm zu machen. Ich habe, wie ich nicht leugnen kann, Derartiges an ihm nicht entdeckt. Nicht ein Dämonisches noch weniger ein Diabolisches. aber auch nicht ein UÜbermenschliches. Ich suchte in ihm den Menschen und in dem Menschen ein Herz und eine Seele; nicht mehr, nicht weniger. Ob ich ge- funden, was ich gesucht? Das mögen andere entscheiden. Das klingt etwas ge- heimnisvoll und wenig zuversichtlich! Hallwich hat der Erforschung der Ge-