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Die Wallenstein-Frage. Vortrag
Entstehung
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deutsche und italienische Flugschriften über den unerhörten, meuchlerischen und abscheulichen Mord in Eger. Dieser Umschlag der öffentlichen Meinung konnte der kaiserlichen Regierung nicht unbekannt bleiben, und als sogar die Witwe des mit Wallenstein ermordeten Grafen Kinsky einen Prozeß gegen die Mörder ihres Mannes anstrengte, beschloß man in Wien, eine Recht- fertigungsschrift herauszugeben. Zuvor erschien aber nochAlberti Fridlandi perduellionis chaos eines unbekannten Verfassers, die erste Anklageschrift gegen Wallenstein. Die im Oktober 1634 in Wien herausgegebene Recht- fertigungsschrift führt den bezeichnenden Titel: Ausführlicher und gründlicher Bericht der vorgewesenen Friedländischen und seiner Adhärenten abscheulichen Prodition; sie wurde im kaiserlichen Auftrage von dem eichshofrat Dr. Pryklmaier verfaßt. Bald darauf konnte eine andere Anklageschrift ver- öffentlicht werden. Bei dem sogenannten Tréka'schen Prozeß, dem Verhör der Beamten des mit Wallenstein verbündeten und mit ihm gefallenen Ge- nerals Grafen Adam Tréka, welches sehr gravierendes Material brachte, stellte es sich heraus, daß der Hauptunterhändler zwischen Wallenstein und den Fein- den des Kaisers ein böhmischer Emigrant namens Jaroslav Sezyma Rasin von Riesenburg gewesen war. Dieser wurde von der kaiserlichen Regierung gewonnen und im Jahre 1635 erschien ein von ihm verfaßterGründlicher und wahrhaftiger Bericht über die von ihm im Auftrage Wallensteins geführten Verhandlungen mit den Feinden des Kaisers in den Jahren 163034. Die Ver- teidiger Wallensteins wollen allen diesen Anklageschriften, insbesondere aber der wichtigsten von ihnen, dem Rasin'schen Berichte, jegliche Glaubwürdigkeit absprechen, allein gerade er wurde durch neuere archivalische Funde in seinen wesentlichen Punkten bestätigt und blieb bis zu unserem Jahrhundert die Grund- lage der meisten späteren Biographien Wallensteins.

Bald nach 1635 benützte den Rasinschen Bericht, sowie die kaiserliche Rechtfertigungsschrift Khevenhiller in seinen großen Annales Ferdinandei, wäh- rend die anderen zeitgenössischen Geschichtschreiber, wie der Verfasser des Theatrum Europäum, Chemnitz, in seiner Geschichte des schwedischen Krieges und andere Rasin nicht kennen. Bemerkenswert aber ist, daß auch diese letz- teren, auf den besten offiziellen Quellen beruhenden Geschichtswerke sowie die gleichfalls zeitgenössischen Memoiren Richelieus und Feuquières, des französi- schen Gesandten in Deutschland in der Zeit des dreißigjährigen Krieges, kaum einen Zweifel daran aufkommen lassen, daß sie an die Treue Wallensteins zum Kaiser nicht geglaubt haben.

Eine ganz hervorragende Stelle in der Wallensteinfrage nimmt Schiller ein mit seinem berühmten Wallenstein-Drama und seiner Geschichte des dreißig- jährigen Krieges. Man muß sagen:In Schiller hat Wallenstein seinen Homer gefunden und ohne das Schiller'sche Gedicht hätte die Wallensteinfrage niemals ihre tatsächliche Popularität und Bedeutung erlangt.Schiller hat mit der Ein- gebung des Dichters den Charakter Wallensteins schon vor mehr als hundert Jahren so sicher erfaßt, wie es alle historische Kritik seither nicht besser zu machen imstande war. Das Maß, mit dem er den merkwürdigen Kriegs- und Staatsmann gemessen, war größer als er es verdiente, aber was das innere Wesen, was das Verhältnis von Willen und Handlung betrifft, hat er ihn ganz und voll erkannt. Er kommt zu dem Resultate, daßWallenstein rebellierte, weil er fiel und nicht, daß er fiel, weil er rebellierte, d. h., daß es seine Gegner waren, die ihn gegen seinen Willen in die Arme der Feinde trieben. Schiller hat ebenso wie die mit ihm glechzeitigen Geschichtschreiber Wallensteins Herchenhahn und Murr den Rasinschen Bericht gekannt und benützt.