Die Wallenstein-Frage.
Vortrag, gehalten im Militär-Wissenschaftlichen Verein in Pilsen 1911.
Von Dr. Raimund Liska.
Wallenstein gehört unzweifelhaft zu den bekanntesten Gestalten der Weltgeschichte. Die über ihn existierende Literatur mit dem berühmten Drama Schillers an der Spitze füllt heute allein schon eine stattliche Bibliothek aus und wächst immer noch weiter an.„Des Stoffes ist gar zu viel, es ist ein Meer auszutrinken“, sagt der Dichter.„Die Ursache dieser auffallenden Er- scheinung liegt nicht allein in den ungewöhnlichen Schicksalen Wallensteins, in der Großartigkeit der Szenerie, aus der seine Persönlichkeit in gewaltigen Dimensionen hervorragt, und in der Tragik seines Falles“, sondern auch in der Richtung, welche die historische Forschung gerade in der Geschichte Wallensteins genommen hat. Dem allgemeinen Interesse entsprechend richtete sie sich vor allem auf die Entscheidung der Frage nach der Schuld oder Nicht- schuld des Ermordeten. So entstand die Wallensteinfrage, im wesentlichen also eine Schuldfrage und in dieser Form wurde sie eine„cause célèbre“, eine der umstrittensten Fragen der ganzen Weltgeschichte. Aus einem historischen Problem wurde ein Rechtsprozeß gemacht, bei dem zuerst in Ermangelung von direktem urkundlichen Beweismaterial und über alle Zweifel erhabenen glaub- würdigen Zeugen je nach ihrem subjektiven, häufig durch Politik, Religion oder Nationalität bestimmten Standpunkt einseitige Ankläger und einseitige Verteidiger einander schroff entgegentraten und dessen Resultat Schiller in die bekannten Worte kleidete: Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Ein kurzer Rückblick auf die Haupterscheinungen der reichen Wallensteinliteratur, soweit sie die eigentliche Schuldfrage betrifft, wird dies lehren; zugleich wird sich aber dabei zeigen, daß mit dem zunehmenden urkundlichen Beweismaterial die Ankläger Wallen- steins allmählich die Oberhand gewinnen und der Prozeß immer mehr und mehr zu seinen Ungunsten entschieden wird. 3
Bald nach dem Egerer Blutbade trat in der breiteren Offentlichkeit all- mählich eine Reaktion zu Gunsten des Ermordeten ein. Es wurde bekannt, daß der General kurz vor seiner Ermordung freiwillig dem Kaiser seine Re- signation angeboten hat, daß das Suchen nach einer ihn kompromittierenden Korrespondenz, sowie das Verhör seiner in Haft genommenen Anhänger,„was die Hauptverschwörung betreffe“, resultatlos geblieben ist usw.; es erschienen
¹ Die Bibliographie der Wallenstein-Literatur enthalten von Zeit zu Zeit die Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen, Prag 1878. 1910(2524 Nummern) und Zibrt, Bibliografie&eské historie, V. Bd., Heft 1, 8. 38— 133, Prag 1910. Neuestens sind erschienen: Elstér, Piccolomini-Studien, Leipzig 1911; Hallwich, Fünf Bücher Geschichte Wallensteins, 3 Bde., Leipzig 1910; Parnemann, Der Briefwechsel der Generale Gallas, Aldringen und Piccolomini im Januar und Februar 1634. Ein Beitrag zum Untergange Wallensteins, Berlin 1911. Histor. Studien, herausgegeben von Ebering, Heft XCII; Straka, Albrecht z Valdsteina a jeho doba. Auf Grund der Korrespondenz des Abtes von Strahov Kkaspar von Questenberg. Abhandlungen der böhm. Akademie der Wissenschaften kl. I., Nr. 44, Prag 1911. Der Vortrag beruht vor allem auf den Werken von Förster, Hallwich, Huber, Irmer, Lenz, Parnemann, Pekaf, Ranke, Ritter, Wittich, Zwidineck-Südenhorst.


