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In Schillers„Geschichte des dreissigjährigen Krieges“ erscheint Wallenstein als der Abgott der Soldateska.„Die meisten Offiziere waren seine Geschöpfe, seine Winke— Aus- sprüche des Schicksals für den gemeinen Soldaten.“ Aber nicht die Liebe des Heeres ver- schaffte ihm jene blinde Unterwerfung. Denn es„fehlten ihm die sanftern Tugenden des Menschen, die den Helden zieren und dem Herrscher Liebe erwerben. Furcht war der Talisman, durch den er wirkte. Finster, verschlossen, unergründlich, sparte er seine Worte mehr als seine Geschenke. Ein furchtbarer, zurückschreckender Ernst sass auf seiner Stirne, und nur das Uebermass seiner Belohnungen konnte die zitternde Schar seiner Diener festhalten. Von einer glühenden Leidenschaft aufgerieben, brütete er still die schreckliche Geburt der Rachbegierde und Ehrsucht zur Reife und näherte sich langsam, aber sicher dem Ziele. Aber, was er sich als etwas so Leichtes gedacht hatte, stand als der furchtbarste Gegner wider ihn auf; an dem Pflichtgefühl seiner Truppen scheiterten alle seine Berechnungen“. ¹) Unersättlich immer weiter strebend, fiel er, ein Opfer unbezähmter Ehrsucht.
Wohl weckt solche Verirrung menschlicher Leidenschaft unsere Teilnahme, aber tragi- sches Mitleid vermag diese düstere Gestalt, geleitet von den Motiven der Rachbegierde und Ehrsucht, Motiven der kältesten Gattung, ²) nicht zu erregen. Des Dichters Aufgabe war es, das Bild des Historikers zu erwärmen, er musste den Helden unsern Herzen menschlich nähern, ³) den Menschen zeigen in des Lebens Drang. So erscheint Wallenstein im Drama als milder Feldherr, dem die Soldaten mit inniger Verehrung zugethan sind, als liebevoller, besorgter Vater, als warmfühlender Freund. Mächtig fühlen wir uns hingezogen zu dem
Schicksalsidee, sondern auch eine zwiefache politische Grundansicht.“ Wallenstein sollte nach der ur- sprünglichen Anlage„mit der von Rachsucht aufgestachelten Ehrbegierde kosmopolitische, philanthro- pische Ideeen verbinden; er sollte anfänglich als der unglückliche Vorkämpfer für eine neue Ordnung der Dinge erscheinen.“ Später legte der Dichter„einen besondern Accent auf die conservativen Tugenden der Gesetzlichkeit, Ordnung und Pflichttreue. Innerhalb dieser neuen sittlichen Weltbetrachtung voll- endete er den Wallenstein, ohne jedoch die früheren kosmopolitischen Züge ganz auszulöschen.“ Hin- richs, H. F. W.: Schillers Dichtungen nach ihren historischen Beziehungen und nach ihrem inneren Zu- sammenhange. 2, 2. Leipzig 1839 S. 121 ff. Gervinus, G. G.: Geschichte der deutschen Dichtung. V. Leipzig 1842. 8. 486. Schiller„fand, dass der eigne Fehler des Helden zu viel an seinem Unglück, das Schicksal zu wenig thue, er schied die Notwendigkeit des Geschickes.... von der Natur des Menschen.... Er gibt damit den reinen Zusammenhang der Handlung und Katastrophe auf,..; dies erfolgte aus der Absicht, die alte Tragödie nachzuahmen.“ Grün, K.: Friedrich Schiller als. Mensch, Geschichtschreiber, Denker und Dichter. Leipzig, 1844. S. 684 ff. Hillebrand, Dr. Jos.: Die deutsche Nationallitteratur seit dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts... 22. Hamburg und Gotha 1851. S8. 408.„Schiller wollte in den widerstrebenden Stoff die antike und moderne Schicksalsanschauung gleichmässig hineinbilden und geriet dadurch in eine tragische Alternative, aus der er sich durch keine Anstrengung befreien konnte.“ Kuhn, A.: Schillers Geistesgang. Berlin 1863.
1) Vgl. Schillers sämtliche Schriften. Historisch-kritische Ausgabe. 8. Stuttgart 1869. S. 142, 352, 342, 144, 248, 337.
2) Schillers Briefwechsel mit Körner. 3. Berlin 1847. S. 395.
3) Prol. 105. 108.


