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Bemerkungen zu Schillers Dramen. I. Wallenstein
Entstehung
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schauung brachte, die zu einem bis dahin in der deutschen Poesie noch nicht gekannten grossartigen, und von einer hohen Idee getragenen, in fast allen Charakteren und in den meisten übrigen Besonderheiten mit bewundernswürdiger Dichterkraft ausgeführten Ganzen verbunden waren. 1) Alle Kritiker haben am Ende doch ein Wort begeisterten Lobes für dieses grossartigste aller Schillerschen Dramen, mögen sie auch Fehler an dem Werke auf- decken. Denn manche Aeusserung herben Tadels musste der Dichter vernehmen. Besonders warf man ihm vor, er habe, um die Alten nachzuahmen, die Freiheit unseres Geschlechtes geleugnet, er habe ferner, um seinem idealistischen Triebe folgen zu können, Max und Thekla eingeführt: man klagte über die im Drama herrschende Schicksalsidee und die Liebes- episode. Teils wollte man in dem Werke das Walten des antiken Schicksals erkennen, ²) das durchweg eine zwingende Gewalt auf den Helden ausübe, während andrerseits das gerade Gegenteil behauptet wurde,³) teils in dem Gedichte eine Geteiltheit der Principien der Schuld und des Schicksals, eine Verbindung des antiken und modernen Schicksalsbegriffes finden. ¹) Bei dieser Verschiedenheit, ja dem völligen Widerstreit der Ansichten erscheint eine nochmalige Prüfung des Werkes selbst wohl gerechtfertigt.

1) Koberstein a. a. 0.

2) Süvern, Prof. W.: Ueber Schillers Wallenstein in Hinsicht auf griechische Tragödie. Berlin 1800. S. 155.Des Schicksals eiserne Gewalt, fürchterlich den Mann umstrickend, der sie zuerst gereizt, auf die zurückfallend, die ihr dienten, und zermalmend alles, was sich ihnen näherte, ist das Thema des Wallenstein. Tieck, Ludw.: Dramaturgische Blätter»(1826) 1. Teil. Leipzig 1852. S. 47. Wallenstein wirdvon vielen, ja zu vielen Motiven seinem Untergange entgegengetrieben, Selbständigkeit, Kampf ist nicht mehr möglich, und er erliegt den Umständen, der herbeigeführten Notwendigkeit;... Hegel, G. W. F.: Werke. 17. Band. Berlin 1835. S. 411:Der unmittelbare Eindruck nach der Lesung Wallen- steins ist trauriges Verstummen über den Fall eines mächtigen Menschen unter einem schweigenden und tauben Schicksal. Wenn das Stück endigt, so ist alles aus, das Reich des Nichts, des Todes, hat den Sieg behalten; es endigt nicht als eine Theodicee. Cholevius, C. L.: Geschichte der deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen. 2. Teil. Leipzig 1856. S8. 167 ff. Nach ihm leugnet Schiller im Wallen- steindie Freiheit unseres Geschlechtes. Der Held ist einwillenloses Werkzeug des Schicksals.Der hauptsächlichste Mangel der Tragödie liegt aber darin, dass jenes dunkle und feindselige Walten des Schicksals auf keine höheren Zwecke hinweist. Es verrät nur die tückische Absicht, Wallenstein... zu verderben...... Jetzt ist das Schicksal, wenn man Wallenstein selbst und seine Mitschuldigen im Auge hat, nur im rohesten Sinne eine strafende Gewalt, und in Bezug auf die andern, welche, ohne dass sie es verschuldet, von dem Verderben ereilt werden, bestätigt sich nur jenes Dogma der Ver- zweiflung, dass alles Schöne auf der Erde ein solches Los hat.

3) Vilmar a. a. O. S. 484...über einen andern Punkt kann man freilich nicht hinweglesen; es ist bekanntlich der, dass der Fall Wallensteins lediglich durch seine eigenen Fehler, nicht durch die lastende Wucht der Verhältnisse herbeigeführt ist, wodurch die tragische Teilnahme an dem Helden natürlich nicht allein gemindert, sondern sogar bis auf einen gewissen Grad abgestumpft wird.

4) Hoffmeister, Dr. K.; Schillers Leben, Geistesentwickelung und Werke im Zusammenhang. Stuttgart 1838. Vgl. Viehoff, H.: Schillers-Leben, Geistesentwickelung und Werke auf der Grundlage der Karl Hoffmeisterschen Schriften neu bearbeitet. 3. Teil. Stuttgart 1874. S. 113.Unser Drama vereinigt also in sich nicht bloss ein doppeltes Princip, das moderne von Schillers Jugenddramen und die antike