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Die Schicksalsidee in Schillers Wallenstein
Entstehung
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die Dramatik uns das erhabene Schicksal vorführen. Aber freilich muss die unendliche und daher an sich übersinnliche Macht des Schicksals durch ein sichtbares Medium wirken und in Erscheinung treten und dieses sichtbare Medium muss ein der heiligen und gewaltigen Ananke würdiges sein. Wenn man, wie dies neue Romantiker besonders gerne taten, durch eine verhängnisvolles Messer, einen Unglücksdolch, einen verfluchten Tag das Fatum sich manifestiren lässt, so wird dadurch das Erhabene herab- gewürdigt, ja die Wirkung schlägt wegen der Disharmonie zwischen der unendlichen Idee und dem geringfügigen Vehikel leicht ins Lächerliche um, so dass sich dann der Ausspruch bewährt:vom Erhabenen bis zum Lächer- lichen ist oft nur ein Schritt! An derartigen Misgriffen aber trägt die Schicksalsidee nicht Schuld, sondern der ungeschickte Dramatiker, der sie nicht zu benützen versteht. Sophocles in seinem König Oedipus, Schiller in seiner Braut von Messina und in seinem Wallenstein haben derartige Fehl- griffe vermieden. Wenn uns das Schicksal zur Anschauung kommt am ge- stirnten Himmel, dessen Anblick, wie Kant mit Recht sagt, das Gemüt ebenso mit Bewunderung erfüllt, wie das Sittengesetz in uns, wenn Wallen- stein in den Sternen, die einem Platon göttliche Wesen waren, seine Thaten liest, so haben wir für das Schicksal eine würdige Manifestation. Diese Manifestation hat aber gerade für das Drama Wallenstein die beste poetische Wahrheit, denn zur Zeit des dreisigjährigen Krieges glaubte man ja an die Astrologie und von Wallenstein wird erzählt, dass er sich von Keppler das Horoskop stellen liess. Freilich war die Astrologie in Wirklichkeit ein Aberglaube, ein verblendender Wahn, aber der Geisterglaube ist auch ein Aberglaube und wie der Spiritismus zur Genüge zeigt ein verblendender, gefährlicher Wahn und doch hat ein Skakespeare mit solchem Erfolge von diesem Wahne den herrlichsten poetischen Gebrauch gemacht. Warum sollte daher nicht auch Schiller den astrologischen Wahn poetisch einführen, handelte es sich doch blos darum, denselben einerseits wahr, andererseits aber idealisirt darzustellen. Gewiss aber hat Schiller den astrologischen Glauben idealisirt, denn wenn wir Wallenstein von den Sternen reden hören, oder dieselben befragen sehen, so ergreift uns ein gewisser Schauder, wir werdengeteuscht und der Hang zum Wunderbaren, zum Geheimnissvollen, der in jeder Menschenbrust mehr oder minder liegt, wird aesthetisch be- friedigt. Mit Glück hat es Schiller vermieden, in die technischen Details der Astrologie zu sehr einzugehen, denn das wäre unpoetischer Gram aus einer Rumpelkammer voll von Wunderlichkeiten.*

Nach Schillers ursprünglicher Absicht sollte ein Buchstabenorakel auf Wallenstein entscheidend einwirken(man vergleiche Goethes Brief an Schiller vom 8. December 1798). Mit Recht bemerkte darüber Goethe seinem Freunde, dass zwar der moderne Orakelaberglaube auch manches poetisch Gute habe, dass aber die von Schiller ausgewählte Species zu den Ana- grammen, Chronodistichen, Teufelsversen gehört und daheraus einer ge-

* Die Zahlenphantastik(Piccol. II. 1) hätte vielleicht unterbleiben können, wie überhaupt diese ganze Scene in der die Bedienten die Stühle setzen. Ebenso hätte wohl der Ausspruch Senis unterdrückt werden können.(W. Tod I. 1)Und beide grosse lumina von keinem Malefico beleidigt. Doch dies sind nur Kleinig- keiten, im übrigen ist die Einführung der Astrologie durchaus würdig und feierlich. Man erinrere sich nur an die geistvolle Begründung des astrologischen Glaubens durch Wallenstein Illo gegenüber.(Piccol. II. 6).