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dass der Mensch zwar nicht für jede einzelne Handlung wohl aber für seinen ganzen Character, aus dem die einzelnen Handlungen fliessen, verantwortlich gemacht werden kann. Genau dasselbe lässt ja Schiller selbst seinen Helden sagen, indem derselbe spricht:(Wall. Tod II 3.
„Des Menschen Taten und Gedanken, wisst
Sind nicht, wie Meeres blindbewegte Wellen
Die innre Welt, sein Mikrokosmus, ist
Der tiefe Schacht aus dem sie ewig quellen.
Sie sind nothwendig, wie des Baumes Frucht,
Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln,
Hab' ich des Menschen Kern erst untersucht,
So weiss ich auch sein Wollen und sein Handeln.
Des Menschen Kern, der tiefe Schacht, ist der Character, dieser aber ist„geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Für seinen ehrgeizigen Character ist Wallenstein verantwortlich und das Lager zeigt uns, wie der Glaube an seine Macht, an sein Können, sich in Wallenstein bis zum Uebermute steigern konnte; war doch die Gelegenheit, waren doch die äusseren Umstände,(dies verrät uns auch noch der Beginn der Piccolomini) so geartet, dass der Held mit freien Willen jenen Gedanken des Verrates fasste, dessen Ausführung das Herz und Nieren durchforschende heilige Schicksal dadurch vereitelt, dass es durch den Gestirnglauben des Friedländers Geist berückte, ihn verblendete und sicher zugleich machte und jene Umstände, die nur scheinbare Zufälligkeiten sind, herbeiführte, durch welche der Stern des Friedländers zu jähem Falle kam.* Wir sehen daher, wie Freiheit und Notwendigkeit sich in Schillers Wallenstein nicht ausschliessen, denn der Character, der Wallensteins geistiges Eigen ist, gibt, das Substrat ab, an dem die heilige Ananke sich betätigt. Von dieser die Treue rettenden Betätigung der Ananke handelt der zweite, namentlich aber der III. Teil der Trilogie.
Wenn also vom moralischen Standpunkte die Herrschaft der Schicksals- idee gerechtfertigt erscheint, so ist dies wol nicht minder vom aesthetischen. Standpunkte der Fall.
Das Geschrei, dass sich principiell gegen jede Schicksalstragödie erhebt, ist aesthetich durch die einfache Entgegnung mundtod zu machen, dass das Dasein einer unendlichen, alles beherrschenden Schicksals- macht, poetisch fingirt, die Vorstellung des Erhabenen hervorruft. Denn wo immer uns in der Natur oder Kunst der Schein einer unendlichen Macht oder Grösse entgegentritt, der gegenüber der Einzelne in Nichts verschwindet, haben wir es mit dem Erhabenen zu tun. Das Erhabene aber, darüber obwaltet aesthetisch kein Streit, gehört in das Gebiet des Schönen und alle Künste machen von demselben Gebrauch, also kann auch
* Der Schauspieler, für den die von aussen eingreifende Schicksalsmacht undarstellbar ist, wird, wie ich in Nr. 7030 der„Neuen Freien Presse“(vom 23. März 1884) las, freilich am besten tun, Wallensteins Charakter so darzu- stellen, dass der Glaube an die Gestirne nichts anderes ist, als der starke Glaube des Ehrgeizigen an sich selbst,„der sich in diesem Aberglauben spiegelt“. Wenn der Referent in diesem Berichte Recht hat, so soll der berühmte Schauspieler Sonnenthal bei seiner Darstellung deutlich durchfühlen lassen, wie dieser Reflex des eigenen Ehrgeizes, nämlich Wallensteins Gestirnglaube, den Helden zum Zauderer mache, verblende und dadurch seinen Sturz herbeiführe.


