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Die Schicksalsidee in Schillers Wallenstein
Entstehung
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unter der Maske eines Lügengeistes ein für Wallenstein betrügliches Traum- orakel aus. In dem Banne dieses Orakels bleibt Wallenstein befangen, und so sehr ist er in der Hand des Schicksals, dass kein factisches Vorkommnis ihn an der Astrologie irre machen kann.

Die Sterne lügen nicht, das aber ist

Geschehen wider Sternenlauf und Schicksal.

Der Charakter(ctavios soll Schuld tragen an der Nichterfüllung der Verheissung nicht aber der gestirnte Himmel. Und im nächst- folgenden zehnten Auftritte zeigt sich aufs neue das sinnverwirrende Ein- greifen der Schicksalsmacht in Wallensteins Geist. Wenn Wallenstein vor- dem(Vgl. W. Tod III. 4) Buttler instinctiv als seinen Feind betrachtete, wenn ein Gefühl, dessen er nicht Meister werden konnte, in der Nähe Buttlers schaudernd seine Sinne beschlich, so war diess eine richtige düstere Vorahnung des schrecklichen Mordes, den dieser Buttler plante. Jetzt aber ist diese warnende Ahnung, die Wallenstein aus den Händen Buttlers noch retten und befreien könnte, durch die waltende Schick- salsmacht plötzlich umgewandelt in ein Gefühl der Freundschaft. Buttler tritt als Freund an Octavios Stelle, der Mörder an die Stelle des Verräters.

Komm an mein Herz, du alter Kriegsgefährt So wohl thut nicht der Sonne Blick im Lenz Als Freundes Angesicht in solcher Stunde.*

In den letzen drei Acten von Wallensteins Tod treten eine Reihe von Handlungen und zwar gerade die ausschlaggebensten zufällig ein. Wenn diese dramatisehen Ereignisse wirklich nur von Ungefähr wären, so wäre in Schillers ersten dramatischen Meisterwerke die Peripetie und Katastrophe, in aesthetisch sinnloser, weil unmotivirter Weise herbeigeführt. Nichts ist, kritisch in einem Drama mehr zu verurtheilen, als eine solche Aufhebung der dramatischen Einheit, welche Cansalität fordert. Wer aber wird Schiller eines solchen Fehlers leichtfertig zeihen wollen, ihn, der seinen Helden also reden lässt: Es gibt keinen Zufall; Und was uns bplindes Ohngefähr nur dünkt, Gerade das steigt aus der tiefsten Quelle. (W. Tod II 3). Ja, halten wir uns nur an die Worte des Dichters. Diese Zufällig- keiten sind kein blindes Ohngefähr, sie steigen wirklich aus der tiefsten

*Wenn Wallenstein(man vergleiche W. Tod II 6.) Buttler hintergegangen hat, indem er ihn antrieb beim Kaiser die Erhebung in den Adelsstand nachzu- suchen und dann anstatt sich versprochener Massen mit Freundeswärme für ihn zu verwenden, es brieflich beim Hofe durchsetzte, dass Buttler schmählich abgewiesen wurde, so war dies ein schlau durchdachter Plan, der aus Wallensteins Selbsterhaltungstriebe, möchte ich sagen, hervorging. Er wollte durch diesen Schachzug jenen Menschen, bei dessen Anblick ihm graute, nähmlich Buttler, an sich bannen und ihn dadurch unschädlich machen. Aber durch Zufall, wie Octavio sagt, gelangt der alte Piccolomini in den Besitz des Briefes, überreicht ihn Buttler und dieser beschloss, in seinem Ehrgeitze auf das Aeusserste gekränkt, Wallenstein zu verderben. Das Ganze ist aufzufassen als eine Fügung des Schicksales, welches es auf den Tod Wallensteins abgesehen hat. Was auch Wallenstein thun mag, es schlägt für ihn ins Gegentheil, ins Verderben um.