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Die von Maria an Leicester gerichteten Worte ¹¹² bilden die vortreffliche Uberleitung zur Katastrophe Leicesters(V, 10): Monolog desselben, sich unmittelbar an den Abgang der Maria schliessend. Bisher hat sich der Elende durch seine Intriguen stets als der Günstling der Elisabeth zu behaupten gewusst; sein falsches Spiel hat ihn aber jetzt in eine Lage gebracht, aus der ihn nichts erretten kann. Er muss den furchtbaren Augenblick der Hinrichtung mit erleben, nach welchem es mit der Verstellungskunst des Lords für immer vorüber ist, denn ohnmächtig sinkt derselbe zusammen.— Katastrophe Elisabeth(V, 11— 15) enthält eine Einleitung: Elisabeths Kampf zwischen frohlockendem Bewusstsein des gelungenen Sieges und ausbrechender Furcht vor der Getöteten(V, 11, 12 ¹¹³); Uperleitung: Beschluss, die Schuld auf ihre Diener zu wälzen(V, 12 der Schluss); ferner zwei Scenen, 1. Scene: Shrewsbury erklärt das Zeugnis der Schreiber für gefälscht(V, 13 ¹¹⁴); Uberleitung: scheinbar neue Untersuchung angeordnet; 2. Scene (V, 14, 115 15 116) in zwei Momenten: a) Davison in Anklagezustand versetzt, Burleigh verbannt, b) Elisabeth, scheinbar auf der Höhe ihres Glückes, von den Freunden Talbot, Leicester verlassen.— Hiernach wird der Schüler leicht erkennen können, welche die Hauptkatastrophe ist. Bekanntlich tritt Maria vom Höhenpunkt an mehr zurück, im IV. Akt erscheint sie gar nicht. Die Hauptkatastrophe muss dort liegen, wo die Ver- nichtung am grössten ist. Für die bei Beginn der Handlung im Kerkerelend jahrelang schmachtende, dem Tode geweihte Maria Stuart ist diese Vernichtung, obwohl dieselbe das physische Leben endet, doch zugleich ein Triuinph über ihre Feinde; ihr Ende ist durchaus Nebenkatastrophe, aber lehrreich insofern, als Vernichtung des physischen Lebens nicht Bedingung der Hauptkatastrophe ist. Als Aufgabe der Kata- strophe wurde(p. 26 flg.) bezeichnet, den Zustand, in dem der Charakter durch Kampf, d. h. durch sein leiden- schaftliches Begehren, Wollen, Handeln versetzt worden ist, rasch aufzuheben; für Maria Stuart geschieht dies durch eine gewaltsame Aktion(Hinrichtung), aber die zweite Nebenkatastrophe(Leicester ¹¹⁷) ist ein vortreffliches Beispiel, dass dieser Zweck auch durch ein energisches Ineinandergreifen der Umstände (s. d. Monolog V, 10) geschehen kann. Durch diese letztere Art der Katastrophe wird man aber wiederum dem Schüler leicht klar machen können, weshalb Elisabeths Ausgang die Hauptkatastrophe bilden muss. Diese trifft nämlich immer diejenige Person des Stückes, deren inneres Leben am meisten von dem Kampf und Gegenkampf, den das Drama darzustellen hat(s. I. p. 13 flg.), berührt worden ist. Offenbar wird aber das innere Leben Elisabeths am gewaltigsten von einem solchen Kampf ergriffen, jede Faser ihres Herzens ist von tödlicher Eifersucht erfasst; sie ist auf dem Throne elender als Maria im Kerker; sie, die mächtige Herrscherin, hat, vom Schlaf geflohen, nicht NRaum auf dieser Erde, solange die verhasste Nebenbuhlerin noch am Leben ist. Eben deshalb trifft aber auch Elisabeth die Hauptkatastrophe, ¹is denn leben und doch innerlich vernichtet sein, ist
112) D. M. St. 232 wünscht den Wegfall der letzten sechs Verse; während bisher alles der seligen Be- ruhigung und reinen Milde, die Maria gewonnen hat, entspricht, stehen diese Verse, die Leicester zum Vorwurf machen, dass er ihr zürtlich liebendes Herz verschmäht, sie gegen die stolze Elisabeth verraten habe, und ihm Unglück von deren Liebe in Aussicht stellt, damit in entschiedenem Widerspruch.— Über Abweichungen, die sich Schiller von den Quellen(Cambden, Robertson, Broutôme, Archenholtz) bei diesen letzten Scenen erlaubte, s. D. 210— 234.
113) D. M. St. 238: Sie ist tot. In Wirklichkeit erhielt Elisabeth erst am folgenden Morgen auf einem Spaziergange durch eine Depesche die Kunde von der Hinrichtung.
114) D. M. St. 239: D'rauf rannt' er an das Fenster, vgl. daselbst wie sich die Sache thatsächlich verhielt.
115) D. M. St. 240 Anmerkung* zu den Worten: Ich hab' Sie nicht mehr.
116) D. M. St. 243. Das Urteil war gerecht— auffällt, wie sie sich hier auf die Gerechtigkeit des Urteils beziehen kann, da sie weiss, dass es auf falschem Zeugnisse beruht.
117) Vischer a. o. O. III. 1174 erörtert an der Stelle, wo er von dem Charakter der Unendlichkeit spricht, der dem inneren Bilde eigen ist, dass der Dichter noch einen besonderen Vorteil(bezüglich der Grenzen der Dar- stellung) geniesse:„Der Dichter kann Handlungen so schildern, dass wir wissen, sie geschehen jetzt, dass sie uns aber zugleich verhüllt sind, im Dunkel vor sich gehen, oder so, dass Personen im Gedichte selbst darum wissen, sie aus andeutenden Zeichen erraten, sie sich vorstellen, aber ohne sie zu sehen.“—„Der Maler mag wohl einen Lord Leicester darstellen, wie er verdammt ist, Moment für Moment den Hinrichtungsakt der Maria Stuart sich zu vergegenwärtigen, man mag ihm den furchtbaren Vorgang in seinem Innern ansehen, aber wie ganz anders wirkt die Scene, wenn der Dichter durch seine Mittel uns zwingt, mit Leicester aus den dumpfen Lauten, die er vernimmt, uns das Bild des Grässlichen zu erzeugen, das ungesehen von unserem physischen, wohl gesehen von unserem geistigen Auge vor sich geht.“— Unwillkürlich denkt man hier bei den Worten Vischers an Lessings Ausserung(Laokoon XIV):„Aber müsste, solange ich das leibliche Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines innern Auges sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen grossen Wert auf den Verlust des ersteren legen.“
118) Vischer I, 308. Ist sie(die Schuld) von bestimmter Art, so sind Subjekte mit Absicht die Organe derselben, und diese sind entweder als die verletzten, obwohl nicht völlig unschuldig, doch gegen das schuldige Hauptsubjekt im Rechte, und die Strafe erscheint unmittelbar gerecht, oder sie sind nicht die verletzten und
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