28
geben und Bedrohung ihres Lebens. d) Schlusshandlung: Moor tötet die Geliebte,M um sie nicht in den Händen der Räuber zu lassen, glaubt sich durch dieses Opfer seines Eides und der Schuld gegen die- selben gelöst und liefert sich aus.
K. u. L. Luisens verstörter Sinn und die hochgradige Leidenschaftlichkeit Ferdinands, infolge deren er den Mord der Geliebten und den Selbstmord für erlaubt und als einzigen Ausweg hält, beweisen, dass in beiden Charakteren schwere Veränderungen moralischer Natur vorgegangen sind, durch welche nicht allein die Ansprüche der Liebenden auf ein glückliches Dasein verloren gegangen sind, sondern vielmehr die Unmöglichkeit, ein solches noch führen zu können, hinreichend dargethan wird. Dadurch wird aber auch für die Handlung gebieterisch das Ende gefordert: Entdeckung des Betrugs und Sühne an den Betrognen durch Bestrafung der Betrüger. Die Katastrophe enthält 1. die Einleitung, Ferdinands Vor- bereitungen zur Ausführung seines Vorhabens, in vier Momenten: a) Ferdinand entfernt Luisen(Befehl, die Limonade zu holen, Schluss V, 2); b) Rechtfertigung seiner That vor sich, gegenüber dem Vater, und Abrechnung mit demselben(Belochnung durch ein Geldgeschenk) V, 3— 5; c) Ferdinand entfernt den Vater (Botschaft an den Präsidenten) V, 6; d) während der kurzen Entfernung Luisens Bereitung des Gifttrankes, Schluss V, 6. 2. Die grosse Scene der Katastrophe, V, 7. Die erschütternde Wirkung dieser Scene beruht zum grössten Teil darauf, dass dieselbe eine kleine, in sich geschlossene dramatische Handlung bildet(ähnlich wie in Tl. I, 4, s. I. p. 31): a) Das grosse Stillschweigen, das den Auftritt ankündigen muss, wie die scenarische Bemerkung sagt, und die Pausen zwischen den ängstlichen Fragen, die Ferdinand unbeantwortet lässt, charakterisieren vortrefflich den nahenden Augenblick, in welchem der Tod die Lippen der Liebenden auf ewig schliessen soll; b) das exponierende Gespräch beginnt mit den Worten: 0, ich bin sehr elend? und in demselben wird Luisens Verhalten von seiten Ferdinands mit einem von tiefstem Schmerze einge- gebenen Spotte behandelt, bis c) Luisens Worte: 0, Jüngling, Jüngling, unglücklich bist du schon, willst da es uuch noch verdienen? seine Wut erregen, sodass er, nachdem er von der Limonade rasch genossen hat, Luisen zu trinken nötigt. Darauf d) Steigerung: letzter leidenschaftlicher Ausbruch des Gefühls der Liebe infolge des schmerzlich empfundenen Gegensatzes zwischen einstiger Seligkeit und dem nunmehr zer- störten Glücke. e) Mit den Worten: Luise! Luise! Luise! Warum hast du mir das gethan! beginnt das zum Höhenpunkte überleitende Gespräch. f) Höhenpunkt: Luisens Geständnis. g) Umkehr: Ferdinand will den Vater töten. h) Katastrophe: Luise stirbt, Ferdinand und seinem Vater verzeihend. 3. Schlussscene (VY, 8) in 3 Momenten: a) Die Schurken entzweien sich und verfallen dem Gerichte; b) Luisens Vater versinkt in Verzweiflung; c) Ferdinand stirbt mit der Verzeihung gegen den Vater.
F. Wie in keinem anderen Stücke Schillers forderte die Handlung des F. freien und breiten Raum zur Entfaltung; sowohl die Haupt- als die Nebenhandlung bedingte eine doppelte Lösung. Ausser- dem sind zwei grössere Episoden(IV, 7—10, und V, 5— 10) eingeflochten, die bei der Erläuterung aller- dings zunächst herausgehoben werden müssen, ehe die Gliederung der Katastrophe näher angegeben werden kann. Doch soll von denselben hier erst weiter unten(im Zusammenhang mit den übrigen bei Schiller vorkommenden Episoden) die Rede sein.— I. Hauptkatastrophe: Fiesko; Vorscene: Fiesko bringt durch seine Rede den Aufruhr zum Ausbruch(IV, 16). Scene: Fiesko befreit Genua von den Tyrannen. Einleitung: Fiesko warnt den Andreas Doria(V, 1), Gianettino fällt(V, 2— 3), Andreas Doria wird ver- folgt(V, 4; seine Rettung durch die deutsche Leibwache bereitet die II. Hauptkatastrophe vor). Haupt- scene: Fiesko wird Herzog von Genua(V, 12). Bemerkenswert ist der Schluss des IV. Aktes: der Kanonen- schuss und das Auftreten der Verschworenen bilden eine wirksame Überleitung zu den im V. Akt statt- findenden Kämpfen(vgl. I. p. 18 die 4. Stufe der Steigerung der R.). II. Hauptkatastrophe: Verrina; Vorscene: Andreas Dorias Rückkehr(V, 14); Scene: Verrinas Abschied von Tochter und Schwiegersohn
74) Vgl. Schillers Recension(in der Selbstbeurteilung der F. bei Braun p. 18) über die Katastrophe der Liebesgeschichte, wo er sagt:„Man frägt, war es tragisch, dass der Liebhaber sein Mädchen ermordet? War es in dem gegebenen Falle natürlich? War es notwendig?ꝰ War kein minder schrechlicher Ausaweg mehr übrig? Ieh aill duf das Letzte zuerst antworten: Nein!— Möglich war keine Vereinigung mehr, unnatürlich und höchst undra- matisch wäre eine Resignation geuesen. War vielleicht diese letzte möglich und schön auf Seiten des männlichen Räubers — aber wie äusserst widrig auf Seiten des Mädchens/ Soll sie heimgehen und sich trösten über das, awas sie nicht ändern kann? Dann hätte sie nie geliebt! Soll sie sich selbst erstechen? Mir ekelt vor diesem alltäglichen Behelf der venorhen Dnnekehe: die ihre Helden uber Hals über Kopf abschlachten, damit dem hungrigen Zuschauer die Suppe nicht kalt werde.“-


