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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 2. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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gleich jetzt für Johanna die Brücke zwischen Himmel und Erde abgebrochen ist, die Ahnung der Erhebung aus dem traurigen Lose deutlich vor. Die eintretende schlimme Veränderung der Situation im französischen Lager wird ihn in diesem Gefühle bestärken; aber gerade dieses Moment, dass ausserordentlich erregende Kraft für die Schlusshandlung besitzt, Winsoforn dadurch wieder die Aufmerksamkeit auf die verlassene J ohanna gelenkt wird, hat mit dem der lotzton Spannung deshalb nichts gemein, weil letzteres ein leichtes Hindernis der goahnten Katastrophe sein soll. In diesem Falle aber wird ja durch jene Scene gerade das Ende des Stückes, wie dasselbe schon fühlbar wurde, sehr glücklich vorbereitet.

In Stücken, deren Handlung wie in der B. v. M. nur die tragische Auflösung enthält, sodass die durch Hass oder eine andere Leidenschaft entfremdeten Menschen dem Verderben durch die fluchbeladene Schicksalsmacht überantwortet werden, wird das Moment der letzten Spannung meist fehlen. Denn ehe oft noch die beteiligten Personen eine Ahnung davon haben, ist dem Hörer bereits die ganze Entwicklung, jeder bevorstehende, abwärtsführende Schritt klar geworden, und er weiss, dass unmittelbar und unauf- haltsam nunmehr das Ende eintreten muss. Nach dem Brudermord und den Enthüllungen kann der Gedanke auch an eine nur entfernte Möglichkeit glücklicher Lösung in dem Hörer nicht aufsteigen, der längst die richtige Deutung für die seltsamen Träume der Eltern(IV) gefunden hat.

Tl. In diesem Stücke ohne tragischen Ausgang fehlt natürlich dieses Moment gänzlich, da dasselbe die Aufgabe hat, kurze Zeit Aussicht auf glückliches Ende zu bieten, um dadurch des Hörers stark in Mitleidenschaft gezogenes Herz zu erleichtern und es hierdurch für die gewaltige Aufregung, die das Ende mit sich bringt, neue Kräfte sammeln zu lassen. Zu beachten ist aber, dass nach der 1. Stufe der 17h. doch die Möglichkeit vorhanden ist, dass Gessler auf dem See umkommt; dann würde man die 2. Stufe, Tells Akt der Notwehr, wie dies streng genommen der Fall ist, als die Katastrophe der Tlh. anzusehen haben. Hierdurch verliefe freilich die Th. im Sande, und in dieser Entscheidung gleichsam ein Gottesgericht über den Tyrannen zu sehen, wäre doch gänzlich undramatisch. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass der unbefangene Hörer doch auch an diesen Fall denkt.

Die Katastrophe.

Gleichwie die Stufen der Steigerung, je näher sie dem Höhenpunkte liegen, sowohl an Grösse des Baus als auch der dramatischen Wirkung zunehmen, so gewinnen auch die Stufen der Umkehr, je näher dieselben der Katastrophe rücken, an Umfang und Intensität. Jedenfalls müssen aber nach, dem letzten Absatz der Umkehr(obgleich ja letztere auch aus einer grossen Stufe bestehen kann) Charakter und Handlung so beschaffen sein, dass ein Aufhören des bisherigen Zustandes dem Zuschauer als natürliche Folge und sittliche Porderung des Kampfes erscheint, den 46 Handlung, mag sie im Spiel steigen und im Gegenspiel fallen, oder umgekehrt(s. J. P. 13 flg.), daraustellon hatte.

Vor der Lektüre der Katastrophe wird man den Schülern also zweierlei zu vergegenwärtigen haben: 1. dass der Charakter des Helden nunmehr in jene eigentümliche Befangenheit versetzt worden

69) G. Fr. a. O. O. p. 118flg.:Katastrophe des Dramas ist nur die Schlusshandlung, welche bei der antiken Bühne Exodus hiess. In ihr wird die Befangenheit der Hauptcharaktere qurch eine energische Aktion aufgehoben. Je tiefer der Kampf aus ihrem innersten Leben hervorgegangen und je grösser das Ziel desselben war, desto folge- richtiger wird die Vernichtung des unterliegenden Helden sein. Und es muss hier davor gewarnt werden, dass man sich nicht durch moderne Weichherzigkeit verleiten lasse, auf der Bühne das Leben seiner Helden zu schonen. Das Drama soll eine in sich abgeschlossene, gänzlich vollendete Handlung darstellen; hat der Kampf eines Helden in der That sein ganzes Leben ergriffen, so ist es nicht alte Tradition, sondern innere Notwendigkeit, dass man auch die vollständige Verwüstung des Lebens eindringlich mache. Dass in der Wirklichkeit dem modernen Menschen unter Umständen noch ein nicht unkräftiges Leben auch nach tödlichen Konflikten möglich ist, ändert für das Drama nichts in der Sache. Denn die Gewalt und Kraft einer Existenz, welche nach der Handlung des Stückes liegt, die zahllosen versöhnenden und erhebenden Momente, welche ein neues Leben zu weihen vermögen, die soll und kann das Drama nicht mehr darstellen, und eine Hinweisung darauf wird niemals dem Hörer die Befriedigung eines sicheren Abschlusses gewähren. Über dem Ende des Helden aber muss versöhnend und erhebend im Zuschauer die Empfindung von dem Vernünftigen und Notwendigen solches Untergangs lebendig werden. Dies ist nur möglich, wenn durch das Geschick der Helden eine wirkliche Ausgleichung der kämpfenden Gegensätze hervorgebracht wird. Die Schlussworte des Dramas haben die Aufgabe zu erinnern, dass nichts Zufälliges, In diwiduolles därgestellt worden sei, sondern ein Poetisches, das allgemeinverständliche Bedeutung habe. 1820 3