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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 2. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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physische Zustand des Helden erscheinen vielmehr derartig in Verwirrung geraten, dass die vollständige Auflösung, wie vom Hörer jeden Augenblick deutlich empfunden wird, unmittelbar erfolgen muss. Obgleich Franz noch lebt, naht doch Schweizer, seinen fürchterlichen Schwur zu lösen, ihm wird der Bösewicht, wenn derselbe zuvor nicht anders zu Grunde geht, nicht entrinnen; Moor kann nicht in die Arme seiner Geliebten, deren Liebe er längst unwürdig geworden ist, zurückkehren, und wenn auch der Zuschauer noch nicht weiss, wann und wie Karl die irdische Gerechtigkeit ereilen wird, er fühlt, der göttlichen ist der Held lüngst anheim gefallen.

K. u. L. Die Möglichkeit ist keineswegs ausgeschlossen, dass entweder durch eine Entdeckung zufälliger Art, die freilich dann im Stücke einigermassen vorbereitet sein müsste, oder auch durch Luisen selbst der ganze Schurkenstreich bekannt werden kann, insofern sie im letzten Augenblicke doch noch zu der Überzeugung kommen könnte, dass dem Verbrechen gegenüber selbst der Eid nicht mehr die Lippen schliessen dürfe. Durch eine solche vorzeitige Entdeckung müsste allerdings die Katastrophe anders ausfallen, und insofern wäre diese Stelle hier etwas zu stark hervorgehoben. Gleichwohl bleibt doch die deutliche Empfindung zurück, dass selbst bei verändertem Ausgange das Liebesverhältnis in seiner ursprüng- lichen Reinheit nie wieder hergestellt werden könne, vielmehr früher oder später einer vollständigen Zer- störung anheim fallen müsse.

F. An ein bestimmtes Hindernis, durch welches die Ausführung von Verrinas Entschluss, den Tyrannen zu töten, in Frage gestellt werden könnte, ist nicht zu denken. Auch hat der Held durch sein ehrgeiziges, schlaues und dabei rücksichtsloses Verhalten nichts weniger als die Rührung des Hörers erweckt, sodass dieser keinen Augenblick wünschen kann, trotzdem die Kusserungen einer so willenskräftigen Natur sympathisch berühren, Fieskos Vorhaben und verabscheuungswürdige That möge gelingen. Der Ge- danke aber, dass er der Herzogskrone ja noch entsagen könne, liegt sowohl jetzt(IV, 5), wo der eigent- liche Ausbruch der Verschwörung erst stattfinden soll, weit entfernt, als er auch überhaupt nach dem bisherigen Gange der Handlung fremdartig und der Entwicklung des ehrgeizigen Charakters des Helden offenbar nicht angemessen erscheint. 5⁷

D. C. Nur für die Handlung Don Carlos ist das Moment der letzten Spannung vorhanden und liegt in der Möglichkeit, dass durch den Opfertod Posas der Prinz dessen ideale Wünsche, zunächst gerichtet auf die Befreiung der Niederlande, noch zu erfüllen imstande sein wird, wozu der erste Schritt eben die Flucht von Madrid sein würde. Hierauf wird der Zuschauer schon lebhaft vorbereitet durch die Mitteilung des Marquis(IV, 21, zur Katastrophe Posa gehörig, s. p. 29), dass alle Anstalten getroffen worden sind, das Verlassen der Hauptstadt dem Prinzen zu ermöglichen. Inzwischen zieht sich freilich das Netz um beide, besonders um Posa, immer enger zusammen(vergl. die Vorgänge am Hofe, IV, 22, 23); aber die Aussicht auf eine glückliche Lösung im Sinne des letzteren wird dennoch wiederholt betont; denn noch V, 3 sagt der der Rachsucht des Königs verfallene Marquis, der Prinz habe Zeit nach Brabant zu flüchten. Auch der in Madrid zu Gunsten von Don Carlos entstehende Tumult(V, 5), sofern dadurch seine Entweichung

. 66) Dass aber hier gar daran zu denken wäre, Moor, der erhabene Verbrecher, könne begnadigt werden und durch ein reuevolles Leben büssen, wird wohl niemand behaupten wollen. Eine Fortsetzung(!) des Stückes gab bekanntlich 1801 Frau von Wallenrodt: Karl Moor und seine Genossen, nach der Abschiedsscene beim alten Turm. Ein Gemälde erhabener Menschennatur, als Seitenstück zum Rinaldo Rinaldini; Schauspiel in sechs Akten. Im Vorbericht sagt die Verfasserin:Es thut mir leid, den grossen Karl Moor, nach Endigung des Stücks entweder für immer verschwunden, oder auf eine niedrige Art aufhören zu sehen. Ich dachte oft daran, wie er, nachdem er beschlossen hatte, zur Tugend zurückzukehren, gehandelt, und wie er mit standhafter Treue gegen das neuergriffene, seiner würdigere System nichts gescheut haben würde, um seine Wiederkehr zur Tugend aller Welt zu zeigen. Hierzu war erforderlich, dass er zur Aussöhnung seiner begangenen Verbrechen alles Mögliche that und zuletzt sich selbst zum Opfer brachte. Aus dieser Ideenreihe entsprang dieses Werk(!). Ferner gehört hierher: die Grafen von Moor, Familiengemälde, 1802, Rudolstadt. Schiller selbst äussert 3. Juli 1785 an Körner, er wolle zu den R. einen Nach- trag in einem Akt, Räuber Moors letztes Schicksal, herausgeben. Endlich dachte er gar an einen II. Teil der Räuber: die Braut in Trauer, Tragödie in fünf Akten. Den erhaltenen Entwurf s. im 15. B. p. 333 von Schillers sämtlichen Schriften, histor. krit. Ausgabe von Karl Goedeke.

67) Wenn Fiesko später im Hinblick auf die gemordete Gemahlin auf die Krone verzichtete oder auch, wie dies in der Plümickeschen Bearbeitung geschieht, sich selbst aus Schmerz über den Verlust durchbohrte, so ist dieser Schluss mindestens von ebenso ergreifender Wirkung, als wenn er von Verrina ertränkt wird. In der Mannheimer Theaterbearbeitung verzichtet er bekanntlich auf die Krone, in einer späteren fällt er von Verrina er- stochen. Der Tod Fieskos ist notwendig sowohl als Strafe für den Betrug an der republikanischen Freiheit, als auch für das zweideutige, zwar nur anscheinend lieblose, seine Gattin aber bis aufs tiefste verletzende Betragen.