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Rührung und das lebhafte Bedauern wird, das traurige Geschick des Ringenden, wenn nicht vereiteln, so doch mildern, ihn selbst von der in den Abgrund führenden Bahn ablenken zu können.
Besser noch als während der an die gegebene Frist gebundenen Theatervorstellung ist eine solche Reflexion des Gefühls, die an dieser Stelle der Handlung, d. i. vor dem Eintritt der Katastrophe ihre be- sondere Berechtigung hat, bei der Besprechung des Dramas in der Schule möglich. Zugegeben muss freilich werden, dass die tragische Wirkung eines Stückes durch die Lektüre, die doch schon infolge der dazu nötigen Erläuterung immer eine längere Zeit beansprucht, leicht abgeschwächt werden kann; nicht so un- mittelbar empfindet der Schüler, auch wenn er den besten Interpreten zur Seite hat, alle jene erschütternden und doch so erhebenden, die ganze Lebenskraft wunderbar steigernden Eindrücke der Tragödie? auf das menschliche Gemüt. Aber der Lehrer kann dafür reichlichen Ersatz schaffen; ist ja doch der Leser auch wieder im Vorteil vor dem Zuschauer; jedes vom Dichter erregte Gefühl kann er vollständig ausklingen lassen, und hinter der durch das Gehörte fortwährend zum Mitschaffen angeregten Phantasie schreitet ruhig der ordnende Verstand. Mittelbar vermag die Erläuterung die Wirkung des Kunstwerkes sogar zu erhöhen, indem sie nämlich für die fortschreitenden, zum Ausgang drängenden, seelischen Prozesse des kämpfenden Helden die tiefere, psychologische, in manchen Fällen selbst physiologische Begründung(z. B. beim Ausgang Karl Moors u. s. w.) klar vor Augen zu stellen imstande ist. Während die Besprechung der Katastrophe(s. p. 26 flg.) doch vornehmlich wieder auf den Aufbau Rücksicht zu nehmen hat, ist ferner gerade diese Stelle, das Moment der letzten Spannung, geeignet, dem Schüler zu vergegenwärtigen, wie weit die Handlung nunmehr vorgeschritten, wie sehr die Entwicklung der Charaktere in ein Stadium gerückt sein muss, dass die Lösung durch das Ende bedingt wird. Aber gerade die durch diese Erörterung herbei- geführte Feststellung einer jetzt notwendigen letzten Entscheidung führt leicht und ungezwungen auch auf die Untersuchung, ob überhaupt und in welcher Weise das Moment der letzten Spannung von dem Dichter in seinem Stücke angewendet worden ist.
Die Entwickelung der Handlung in den. ist derart, dass von einer Anwendung des erwähnten Kunstmittels nicht die Rede sein konnte. Aber in diesem Stücke findet sich an der Stelle, wo dasselbe sonst zu suchen ist, nämlich unmittelbar vor der Katastrophe, allerdings ein Moment, durch welches die Spannung auf die Handlung des nächsten(letzten) Aktes gelenkt wird. Der Schüler mag darauf achten lernen, dasselbe(in diesem Falle: der Befehl Moors an Schweizer, ihm Franz lebendig zu bringen) nicht mit dem Moment der letzten Spannung zu verwechseln, als welches es allerdings wegen seiner neues Interesse erregenden Kraft leicht aufgefasst werden könnte. Ein solches, auf den nächsten Akt vorbereitendes Moment, das hier immer UÜberleitung genannt wurde, steht nämlich häufig auch vor dem Eintritt der Katastrophe. Es ist ferner kein Zweifel, dass durch die Enthüllung der letzten Intrigue(Auffindung des alten Moor u. s. W.) „dem Gemüt des Hörers eine Aussicht auf Prleichterung“(s. N. 64), aber nicht damit zugleich„die ent- fernte Möglichkeit auf eine glückliche Lösung“ gegeben ist; die Verhältnisse im Schlosse, der geistige wie
65) UÜber diese Wirkung der Tragödie sagt G. Freytag a. o. O. p. 77:„Auf die Erschütterung ist ein Ge- fühl von freudiger Sicherheit gefolgt, in den Empfindungen der nächsten Stunde ist ein edler Aufschwung, in seiner(des Hörers) Wortfügung energische Kraft, die gesamte eigene Produktion ist gesteigert. Der Glanz grosser Anschauungen und starker Gefühle, der in seine Seele gezogen, liegt wie eine Verklärung auf seinem Wesen. Diese merkwürdige Ergriffenheit von Leib und Seele, das Herausheben aus den Stimmungen des Tages, das freie Wohlgefühl nach grossen Aufregungen ist das, was bei dem modernen Drama der Katharsis des Aristoteles ent- spricht.“ G. Günther a. o. O. 482 flg. schildert diese„Gemütsklärung“ ebenfalls in sehr treffender Weise:„Wir gehen hinaus heiter und vergnügt, angeregt und zu Scherz geneigt, und das nach einer Tragödie! Mehr noch, gerade nach einer guten Tragödie findet sich diese Stimmung ein und fast noch sicherer als nach einem Lustspiel, wo wir vereits viel Lachstoff verbraucht. Das erinnert wenig an eine moralische Besserungsanstalt und stimmt wenig zu der gemessenen Miene eines verkörperten Imperativus. Wie geht das also zu? Die Wahrheit kurz zu sagen: wir fühlen uns so recht einträchtig mit der Welt, wir befinden uns gar wohl in diesem Dasein, Mut und Lebenskraft sind gestärkt und erhoben. Dies ist die Wirkung der tragischen Kunst. Welch grosses Verdienst derselben! Und sie erreicht dies nicht durch die Darstellung der„Allgemeinheit des Leidens, gegen welches das unsere als zu klein verschwindet“, nicht durch die Einprägung der Lehre,„dass Sittlichkeit hier auf Erden leiden müsse, aber unser grösstes Gut sein solle“, und was die graue Theorie sonst noch sagt. Sie erreicht es einzig und allein dadurch, dass sie uns ein Bild des Lebens vormalt, auf welchem über schwerem Gewölk ein heiterer, verklärender Sonnenschein ruht, dass sie uns eine Symphonie in Worten vorspielt, in welcher sich alle Dissonanzen harmonisch auflösen, dass sie, um nicht im Bilde zu sprechen, eine Welt uns schildert, in welcher trotz aller ernsten und erschütternden Ereignisse ein ewiger, gerechter Wille waltet, eine Welt, in der ein sittliches Prinzip als Herrscher der ihm dienenden Sinnlichkeit in thatsächliche Erscheinung tritt. Durch Rührung und Erschütterung hindurch dringen wir zu der fröh- lichen Gewissheit: so und nicht anders muss es sein, wenn eine Gerechtigkeit lebt.“


