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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 2. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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erhöht wird: Tells Erbitterung(im Monologe, IV, 3 ¹) steht das Vorüberziehen der jubelnden Hochzeits- leute, seinem Entschluss, Gessler zu töten, Stüssis Einladung, ihn zur Hochzeitsfeier zu begleiten, dem Todeskampf Gesslers das Herüberklingen froher Musik(s. I, p. 35 die heitere Tafelmusik als Gegensatz zu der schwermütigen Stimmung der Liebenden, Picc. III, 5, 6) und das Erscheinen der Hochzeitsleute scharf gegenüber. Schaozh. und Attgh. Jede der beiden Handlungen enthält, wie die T'lh., eine Vorstufe zur Umkehr. 1. Attgh.: Berthas Verwendung und Rudenz' Einspruch(III, 3, d), e), also mit der Höhen- punktsscene der T'lh. verknüpft, s. I, p. 39 flg.) als erste Wirkung der Liebeserklärung(Höhenpunkt der Attgh.). 2. Schaczh.: Erregung des Volkes bei dem geforderten Apfelschuss(III, 3, b, d, s. I, p. 39 flg.) als erste Wirkung des Bundes auf dem Rütli(Höhenpunkt der Schawzh.). Hauptstufe(Attgh. und Schweh. eng miteinander verbunden): Rudenz als Vertreter des Adels wird dem Bunde der Schweizer gewonnen(IVY, 2). Vorauf geht eine Einleitung: der sterbende Attinghausen segnet Tells Knaben und den Schweizerbund. Durch die Anwesenheit Hedwigs é² und ihrer Kinder ist auch die Tih. mit den beiden Handlungen verknüpft. Die Hauptstufe enthält folgende Momente: a) Rudenꝰ feierliches Gelöbnis, b) Nach- richt von dem Raube Berthas, c) Rudenz' Aufbruch, die Geliebte zu befreien und mit Melchthal Rossberg und Sarnen zu zerstören ν, und ist zwischen die 1. und 2. Stufe der Umkehr der T'lh. eingeschoben.

Das Moment der letzten Spannung4(e).

Mag der Sturz des Helden in einer oder mehreren Stufen gezeigt sein, immer wird zuletzt der Hörer die deutliche Empfindung haben, dass das Ende des Stückes nunmehr eintreten muss. Gewaltige Ergriffenheit hat sich seiner Seele bemächtigt; er hat innerhalb eines Zeitraumes von wenigen Stunden erlebt, was, äusserst seltene Fälle ausgenommen, selbst durch die reiche Erfahrung eines ganzen Menschenlebens nicht. aufgewogen werden kann. Durch das Ringen des Helden nach den höchsten Zielen sind ihm, dem teil- nahmsvoll Mitschaffenden, die tBiefsten Geheimnisse der Menschennatur entschleiert worden; er hat, hierdurch aufgeregt, mächtige Gefühle auf sich einstürmen lassen: hingerissen von der Hingebung, Aufopferung und Thatkraft, deren ein Herz fähig sein kann, erfasste ihn auch das Entsetzen vor der furchtbaren Grösse mensch- licher Leidenschaft. Dabei wird der Hörer leicht die Beobachtung machen können, dass, je näher das Ende des Stückes heranrückt, destomehr oft seine Sympathie für den Helden zunimmt, und dass, in je stärkere Befangenheit und schlimmeren Irrtum der erstere infolge seines Handelns gerät, desto inniger dagegen seine

61) D. Tl. 243 zu den Worten: Des Weges Enge wehret den Verfolgern es fällt etwas unangenehm auf, dass Tell an seine Sicherheit denkt, auf die er nur bedacht sein kann, wenn der Pfeil nicht trifft. Auch steht damit in Widerspruch, dass er im Monolog selbst sich für verloren hält, wenn sein Pfeil fehle. 244. Damals ge- lobt ich mir in meinem Innern Widerspruch im Gelübde III, 3. 245. Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen als nicht stimmend zu dem in Anspruch genommenen Recht der Notwehr. 247. Und doch an euch nur denkt er, liebe Kinder mehr rhetorische UÜbertreibung. 248. Durch den Wegfall der letzten sieben Verse, in welchen Tell an die Befreiung der Waldstätte durch seine That zur Unzeit denkt, würde der überlange Monolog Tells nicht verlieren.

62) D. Tl. 104 über die Anwesenheit des Grossvaters und Enkels bei dem sterbenden Attinghausen. 233 über die falsche Voraussetzung Hedwigs bei dem Baumgarten gemachten Vorwurf. 236. Aus diesem Haupte bis Freiheit grünen das ist im Grunde nicht richtig, da die Befreiung der Waldstätte von der Gewaltthat gegen Tell ganz unabhängig war; aber dem Zwecke des Dichters diente es, hier eine nähere Verbindung vorauszusetzen.

63) D. Tl. 241 über die Begründung, dass die Befreiung zunächst durch die Not der Geliebten hervor- gerufen werde.

64) G. Fr. a. a. O. 116 flg.Dass die Katastrophe dem Hörer im ganzen nicht überraschend kommen dürfe, versteht sich von selbst. Je mächtiger der Höhenpunkt herausgehoben, je heftiger der Absturz des Helden war, desto lebhafter muss das Ende voraus empfunden werden; je geringer die dramatische Kraft des Dichters in der Mitte des Stückes ist, desto mehr wird er am Ende raffinieren und Effekte hervorsuchen... Demungeachtet ist es zuweilen misslich, ohne Unterbrechung bis zum Ende zu eilen, gerade dann, wenn das Gewicht des unglücklichen Geschiekes bereits lange und schwer auf einem Heldem lastet, welchem die gerührte Empfindung des Hörers Rettung wünscht, obgleich vernünftige Erwägung die innere Notwendigkeit des Untergangs recht wohl deutlich macht. In solchem Fall ist es ein altes anspruchsloses Mittel des Dichters, dem Gemüf des Hörers für einige Momente Aussicht auf Erleichterung zu gönnen. Dies geschieht durch eine neue kleine Spannung(durch das Moment der letzten Spannung), dadurch, dass ein leichtes Hindernis, eine entfernte Möglichkeit glücklicher Lösung, der bereits angedeuteten Richtung auf das Ende noch in den Weg geworfen wird... Doch gehört Takt dazu, dies Moment gut zu gebrauchen. Es darf nicht zu unbedeutend werden, sonst verfehlt es die beabsichtigte Wirkung, es muss aus der Handlung und dem Grundzuge der Charaktere herausgearbeitet sein; es darf aber auch nicht so bedeutend hervorspringen, dass es in der That die Stellung der Parteien wesentlich ändert. UÜber der aufsteigenden Möglichkeit muss der Zuschauer immer die abwärtsdrängende Gewalt des Voraufgegangenen empfinden. 1