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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 2. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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zugleich Finale des Aktes, III, 3. Sc. der Schluss). Dann folgt die 1. Stufe, Tells Rettung aus dem Schiffe (IV, 1), die, wenn sie episch gehalten ist, doch durch die Scenerie(Sturm auf dem See!) und durch die den Akt einleitende Unterredung(Kunz und der Fischer) nichts an grossartiger dramatischer Wirksam- keit zu wünschen übrig lässt. Eingeschoben ist nun die Umkehr für die anderen beiden(hier miteinander eng verknüpften) Handlungen(Schaeh., Attgh., IV, 2). 2. Stufe Tlh., Tells zweiter Schuss?4(IV, 3; Gesslers Tod ist allerdings strenggenommen die Katastrophe der T'lh., doch vgl. p. 35), enthält folgende dramatische Momente: a) Monologꝰ und folgendes Gespräch mit Stüssibé; Zwischenglied α) Armgards Erscheinen; b) Gesslers Gesprüch mit Rudolf über Habsburgs Verhalten; Zwischenglied) Armgards Bitte?, Gesslers Zurückweisung, Rudolfs Verwendung; c) Gessler wird von Tell tödlich getroffenꝰs; ferner die UÜberleitung zur Katastrophe der Schweh.: Volkserhebungꝰ, endlich das Schlussbild: Gesang der Brüder ⁰e. Man mache den Schüler besonders darauf aufmerksam, dass auch hier die tragische Wirkung durch das vielfach an- gegebene, echt dramatische Kunstmittel, das mit der gewöhnlichen Effekthascherei gar nichts gemein hat,

54) Vischer a. o. O. III, 38.Das Kompositionsgesetz verlangt Vorbereitung der Kontraste. Der Moment des Gegenstosses darf freilich nicht abgeschwächt werden, aber er darf auch nicht aus den Wolken fallen; die Erwartung schwächt ihn keineswegs ab, sie macht nur empfänglicher für die Uberraschung, welche, wohl- begründet, ein grosses Kunstmittel, unbegründet, ein kindischer Effekt ist... So klopft jedem Zuschauer das Her⸗ vor dem nahen Pfeilschusse des Tell auf Gessler, obwohl, ja gerade weil wir jenen lauernd im Hintergrund wissen.

55) Obgleich eigentlich nicht in den engen Rahmen dieser Abhandlung gehörig, mag doch nicht unerwähnt bleiben, dass der Ortsname Küssnacht, wie bei Anlass der Versammlung(1884) des historischen Vereins von Schwyz nach der überzeugenden Darstellung von Professor Brosi nachgewiesen worden ist, aus dem Keltischencus, cusan undach oder an herzuleiten ist und einen von Wasser bespülten Ort bezeichnet. Seit dem 9. Jahrhundert soll in einer Menge von Urkunden statt Kusenach, Kosnach, Küssnach u. s. w. geschrieben worden sein. Das ganz über- flüssige wurde erst in späterer Zeit angefügt und hat seitdem in Urkunden, im Staatskalender und überhaupt im täglichen schriftlichen Verkehr sich breit gemacht. Es wäre daher wünschenswert, dass die richtige FormKüssnach wieder angewendet und geschrieben würde.

56) D. Tl. 230 flg. Dass sich Tell, trotz seiner dringenden Eile, dazu hergiebt, ausführlich seine Geschichte zu erzählen, muss man dem Zwecke des Dichters zu Gute halten, und es wird keinem Zuschauer bei der grossen Spannung und Tells belebter Erzählung auffallen. Unnötig aber lässt Schiller nach dem Schlusse der Erzählung noch den Fischer von Tell erfragen, dass Gessler über Brunnen und Schwyz nach Küssnacht(Küssnach!) wolle, da dies der gewöhnliche Weg Gesslers war, wenn er von Flüelen nach Küssnacht wollte... Tell hätte unmittelbar nach der Erzählung hastig nach dem nächsten Wege fragen sollen. Unzweckmässig ist die Ansicht nahe gelegt(Tells Aufforderung, dass die Teilnehmer am Rütlibunde wacker und guten Mutes sein sollen), dass Tell seinen Anschlag gegen Gessler auch mit Rücksicht auf die Befreiung der Waldstätte ausführen wolle. Viel besser gäbe Tell einfach Ruodi den Auftrag, durch die Kunde von seiner Rettung und seinem ungebrochenen Mute seine Gattin zu beruhigen.

57) Vischer a. o. O. II, 203.Im striktesten Sinne bedeutet Situation die Lage der Dinge, die den Stoff zum ernsten Wirken, zur entscheidenden sittlichen That enthält und dazu spannt, auffordert. Nach Vischer ruft dieselbe immer eine Kollision hervor:Situation in diesem Sinne fordert also entweder zu stetigem Wirken auf, z. B. der Zustand einer Staatsverfassung, eines Standes, einer Gemeinde u. s. w., der gründlicher Umgestaltung bedarf, aber sich gewiss auch gegen den Reformator kehren wird, oder zur straffen That, wo die Spitze eines Augenblicks einen Entschluss von durchgreifender Entscheidung verlangt. Ein solcher Moment ist für... Wallenstein die Lage, da der argwöhnische Hass einen Teil seiner Unterhandlungen mit dem Feinde ausgekundschaft hat, Versöhnung nicht mehr möglich ist, die Freunde drängen, der Schwede Gewissheit will... für Wilhelm Tell der Augenblick, wo Gessler durch die Armgard im Hohlweg aufgehalten wird.

58) Vischer a. o. O. über den dramatischen Stil III, 2, 1390.Was nicht blitzt, durchschlägt, zündet, ist nicht dramatisch. Hierauf führt Vischer Schiller an alsüberall reich an solchen Momenten, wo alle Herzen klopfen, jeder Nerv sich spannt und dann der Blitz der Entscheidung zuckt. Wie wirkungsvoll hat er, um nur dies eine zu erwähnen, die Scene der Ermordung Gesslers behandelt, wo wir Tell lauernd wissen, wo ein äusserst glück- liches Motiv die flehende Armgard eintritt, Gessler ihr gegenüber den UÜbermut auf den Gipfel steigert und mitten in der harten, stolzen Rede vom Pfeil durchbohrt sein Ich will stöhnend mit dem Ausruf abbricht: Gott sei mir gnãädig! und vom Pferde sinkt.

59) Vischer a. o. O. III, 1397.Hintergrund sind in Wlst. die Kriegsverhältnisse, in Tl. das sich ver- schwörende, dann handelnde Volk. Der Hintergrund ist der Boden, worauf die Handlung vor sich geht, er deutet auf das Massenhafte, das breite Weltwesen hinaus; dies verhält sich ähnlich im Epos, aber hier wird der Hinter- grund breit angeführt, im Drama soll er nur eben soviel Entwicklung geniessen, dass er dem Vordergrunde, der Haupthandlung ihre Voraussetzung, begleitende Erklärung, Atmosphäre, Stimmung giebt, wie dem Wallenstein seinen Pulvergeruch.

60) D. Tl. 258. Schiller glaubte, dass der Orden der barmherzigen Brüder schon seit uralter Zeit bestanden habe. Denselben gründete erst der Portugiese Juan Ciudad(di Dio) 1540 in Sevilla.