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bei Thibaut und Raimond; die Entfernung beider beim Anblick der Tochter und Geliebten, über der sichtbar das göttliche Gericht schwebt, markiert scharf die nun folgende Hauptscene, die zweiteilig ist: 1. Ver- zweiflung bei der Begegnung mit den Ihrigen, IV, 9⁴¹ mit den Schwestern, IV, 10⁴² mit dem Vater; 2. Thibauts Anklage(IV, 11⁴³⁸) und Johannas Verstossung(IVY, 13), beide Auftritte durch Dunois' erneute Werbung(IV, 12 ⁴⁴) verknüpft.
Der Fall ist schon durch diese erste Hauptscene ausserordentlich wirksam vergegenwärtigt. Wie rasch folgt die Strafe; urplötzlich ist die gefeierte Jungfrau, zu der sich alles drängte, gänzlich verlassen, von der Gunst des Himmels, von ihrem Volke, dem sie den Sieg über die Feinde verschafft, ja von dem eigenen Vater! Mit Recht ist deshalb Johannas Schicksal vorwiegend als rührend, rührender an dieser Stelle, als das der übrigen Helden in Schillers Dramen, bezeichnet worden. Denn— vom Standpunkte des Zu- schauers aus gesprochen— Karl Moor ist die Liebe seiner Amalia geblieben; Ferdinand besitzt, auch nach- dem er sich durch seine verzehrende Liebe und Eifersucht seinen Himmel verscherzt hat, Luisens tiefe Neigung; das Fiesko durch die Gegenverschwörung drohende Schicksal wird durch das zärtliche Verhalten der Gattin aufgewogen; auf Seite des der Inquisition verfallenen Posa steht die edle Königin; Carlos ist zwar um das Glück der Liebe betrogen, aber in seine Hand ist eine heilige Mission gelegt, für die der Freund sich geopfert und die leidenschaftlich geliebte Königin ihm den warmen Hauch der Begeisterung eingeflösst hat; Wallenstein entbehrt auch nach dem Verrate und dem durch letzteren herbeigeführten Sturze doch nicht ganz der Freunde und treuer Regimenter; die der verhassten Feindin unterliegende Maria Stuart beraubt durch ihren Tod die herrschsüchtige Königin der Edelsten der Krone. Die Schuld der Heldin ist eben in der J. v. O. von eigentümlicher Beschaffenheit. Einerseits erscheint dieselbe schwer, untilgbar: der Himmel hat Johanna das Höchste, Herrlichste zugedacht, dem entsprechend auch nur die auferlegte Be- dingung war. Obgleich die göttliche Huld sichtbar mit ihr war, sie fast bis an das Ziel ihrer Sendung geführt hatte, vergass Johanna doch, dass sie in den Dienst der Gottheit gestellt ist. Andererseits erscheint aber dem Hörer ihre Schuld so natürlich, verzeihlich, auch wenn er sie in diesem Augenblick nicht als eine(durch die steigende Handlung gezeigte) Folge der allmählich aufgeregten Sinnlichkeit sich zum Be- wusstsein bringen würde. Johanna ist zwar die Gottgesandte, aber sie ist auch ein Weib; die ihr auf- getragene Mission kann das rein Menschliche in ihr nicht aufheben. Wäre dies möglich, so würde dem Hörer die Bewunderung ihrer Thaten fehlen. Gerade diese aber steigert sich, je deutlicher der Widerspruch in ihrer Doppelnatur fühlbar wird, zu dem überwältigenden Gefühle des Mitleids in demselben Masse, als die Ermattung im Widerstande gegen die irdischen Beziehungen sich in Johannas Wesen geltend macht. Dadurch aber, dass die Schuld vom rein menschlichen Standpunkte als leicht erscheint, thatsächlich aber von grosser Schwere ist, ist auch die Wirkung, welche die Umkehr darzustellen hat, vorwiegend von tiefer Rührung auf den Hörer begleitet; denn der letztere folgt der menschlichen Auffassung der Schuld und tritt alsbald auf die Seite Johannas, die, trotzdem sie ihre göttliche Mission durch Verletzung der Bedingung unterbrochen, doch eben nichts gethan hat, was zu dem reinsten weiblichen Empfinden in Widerspruch steht. Als Mittel, die Scene ergreifend zu gestalten, ist vielfach der Gegensatz verwendet. Gleich der Anfang derselben zeigt ihn in grosser Schärfe; man vergleiche nur Johannas Monolog(IV, 1) mit den im Prolog (I, 4) enthaltenen Versen; kontrastierend wirkt auch Sorels Dank an die Traurige mit der UÜbergabe der Fahne an die Schuldbwusste, die niedergedrückte Haltung Johannas im festlichen Krönungszuge, die Flucht der Gottgesendeten von geweihter Stätte, des Vaters schwere Anklage, dass sie eine Zau- berin sei, während der König sie kurz vorher als Heilige feierte, der Anblick des liebeglühenden Dunois gerade in dem furchtbaren Momente, wo wegen ihrer sträflichen Neigung zu Lionel das durch Donner und Blitz sich ankündigende göttliche Gericht hereinbricht, endlich die schreckliche Verlassen-
41) D. J. v. O. 230 über die Sehnsucht der Schuldbewussten nach den Ihrigen.— 231 über Thibauts Erscheinen in Rheims ohne Wissen seiner Kinder(es fehlt hier an jeder genaueren Begründung).— 233, Anmerkung: Besser würde man lesen: Wie käm' ich selbst dahin statt hierher?
42) D. J. v. O. 235 zu der Heiligsprechung der Jungfrau, welche erst nach dem Tode und seit Alexander III. nur vom Papste erfolgen konnte.— 236 flg. wird gezeigt, wie auch das Folgende(Zweifel, ob Johanna eine Sterb- liche oder ein Engel des Himmels sei, sowie ihr Verstummen) der mittelalterlichen Anschauung fremd ist.
43) D. J. v. O. 237. Thibaut verwechselt die Feen ohne weiteres mit den Hexen.
44) D. J. v. O. 240 über den donnernden deus ew machina, sowie über die Entbehrlichkeit der beiden letzten Auftritte, die nach dem gewaltigen Eindruck der vorigen Scene matt abfallen(Dunois, dessen Anerbieten die Donner- schläge vernichtet haben, könnte sich entfernen, dafür Raimond erscheinen und die Jungfrau wegführen).
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