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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 2. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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Hat der Lehrer eine gereiftere Klasse vor sich, so wird er diè Erörterungen über das Tragische passend damit abschliessen können, wenn er zeigt, wie jener Begriff vom Standpunkte des Pessimismus(vgl. hierzu R. Gottschall, Poetik p. 199 flg.) und des Optimismus(J. Duboc: die Tragik vom Standpunkte des Optimismus u. s. W., Hamburg 1886) erklärt wird. Beide Begriffe bedürfen allerdings zuvor der Erörterung; aber auch das Korrektiv, welches in der christlichen Weltanschauung zu suchen ist, wird man, aus anderen Gründen, Schülern gegenüber besonders zu betonen haben. Auf ein bedeutendes Werk:Grundzüge der tragischen Kunst. Aus dem Drama der Griechen entwickelt von G. Günther(Leipzig, Berlin, W. Priedrich, 1885)' kann an dieser Stelle nur hingewiesen werden. Es enthält wie G. Freytags Technik eine Fülle anregenden Materials auch für den- jenigen Lehrer, der berufen ist, das klassische Drama der Deutschen Schülern zu erläutern. Wie in diesem Werke der Tragik des Aschylus endlich volle Würdigung und Gerechtigkeit zu teil geworden ist, so wird mit Recht unter den Neueren Schiller als Dramatiker und Tragikerim eminentesten Sinne bezeichnet; p. 365 Schiller ist der geborene Tragiker, nicht wegen der Überlegenheit seiner Charaktere, worin ihm Lessing, nicht wegen der Schönheit und Gemütstiefe seiner Sprache, worin ihm Goethe überlegen ist, sondern durch die Gebunden- und Geschlossenheit seiner dramatischen Handlung, seinen Sinn für den grossen tragischen Bühneneffekt und die Heraustreibung eines schweren sittlichen Konfliktes, der den ganzen Kreis der Handelnden in seine Mitleidenschaft zieht.

Zweiter Teil: Fallende Handlung. Tragisches Moment, Fall oder Umkehr, Moment der letzten Spannung, Katastrophe.

Das tragische Moment(d2).

Das Wort tragisch wird in zwei verschiedenen Bedeutungen gebraucht:es bezeichnet zuerst die eigen- tümliche Gesamtwirkung, welche ein gelungenes Drama grossen Stils auf die Seelen der Hörer ausübt, und zweitens eine bestimmte Klasse von dramatischen Wirkungen, welche an gewissen Stellen des Dramas ent- weder nützlich oder unentbehrlich sind. Die erstere ist die physiologische Bedeutung des Ausdrucks, die zweite eine technische Bezeichnung. Für den Bau des Dramas kommt die letztere allein in Betracht und heisst alsdanntragisches Moment(p. 76. a. a. O.).

Durch das Vorhandensein eines doppelten Höhenpunktes(für die innere und für die äussere Hand- lung), wie dies an den R. gezeigt wurde(I. p. 16 flg.), tritt bereits für dieses Stück Schillers jener Zustand des Dramas hervor, der sich dann in vollkommenerer Weise in dem grössten Stücke des Dichters, im Wallen- stein, wiederfindet und(I. p. 35) mit dem Ausdruckdes Schwebens auf der Höhe bezeichnet werden musste. Freilich ist in den R. der innere Höhenpunkt, die Umdüsterung der Seele des Helden, die Haupt- sache; mit ihm ist daher auch d verbunden, das, wenn es überhaupt vorhanden, in der Regel mit dem Höhen-

punkte(obwohl es auch mehrmals vorhanden sein kann) verknüpft ist. G. Fr. bezeichnet d alsein gutes, aber nicht unentbehrliches Hilfsmittel.

5) G. Fr. a. a. O. p. 82:Wenn an einem Punkte der Handlung plötzlich, unerwartet, im Kontrast zu dem Vorhergehenden etwas Trauriges, Finsteres, Schreckliches eintritt, das wir doch sofort als aus der kausalen Verbindung der Preignisse hervorgegangen und aus den Voraussetzungen des Stückes als vollständig begreiflich empfinden, so ist dies Neue ein tragisches Moment. Das tragische Moment muss also folgende drei Eigenschaften haben: 1. es muss wichtig und folgenschwer für den Helden sein; 2. es muss unerwartet aufspringen; 3. es muss durch eine dem Zuschauer sichtbare Kette von Nebenvorstellungen in vernünftigem Zusammenhang mit früheren Teilen der Handlungen stehen. p. 85:Mit besonderem Nachdruck muss noch einmal hervorgehoben werden, dass das tragische Moment in einem vernünftigen kausalen Zusammenhange mit den Grundbedingungen der Handlung verstanden werden muss. Für unser Drama haben solche Ereignisse, welche unbegreiflich eintreten, Zwischenfälle, deren Relation zur Handlung sich geheimnisvoll verhüllt, Einflüsse, deren Bedeutung auf abergläubischen Vorstellungen beruht, Motive, die aus dem Traumleben genommen sind, Prophezeihungen, Ahnungen nur untergeordnete Bedeutung. Wenn ein Familienbild, welches vom Nagel fällt, Tod und Verderben vorbedeutsam anzeigen soll; wenn ein Dolch, der zu einer Unthat verwendet wurde, mit einem mystisch fortwirkenden Fluche behaftet erscheint, bis er auch dem Mörder den Tod bringt, so sind dergleichen Versuche, die tragische Wirkung auf einen inneren Zusammenhang zu begründen, der uns unverständlich ist oder unvernünftig erscheint, für das freie Geschlecht der Gegenwart schwächlich oder gar unleidlich. Was uns als Zufall, selbst als iberraschender, entgegentritt, ziemt nicht für grosse Effekte der Bühne. p. 112:In dem Fall, wo der Höhenpunkt durch ein tragisches Moment mit der sinkenden Handlung verbunden