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„„sich nur selbst zu einem tüchtigen Manne(das kann man auch dem Holzhacker anraten!) machen, dann mit fröhlichem Herzen an einen(tragischen!) Stoff gehen, welcher kräftige Charaktere in grossem Kampfe darbietet““(also darum muss er sich doch wohl kümmern, wie es scheint, oder findet man dergleichen auf der Strasse?) und soll„„die wohltönenden Worte Schuld und Reinigung, Läuterung und Erhebung anderen überlassen.““— Nun, die Worte kann er schon andern überlassen, aber auch die Sache? Dass ein drama- tischer Dichter in seinem Drama nicht von Schuld und Läuterung u. s. f. sprechen wird, ist ja selbstver- ständlich; dass er ihre Bedeutung aber bei der Gestaltung der dramatischen Handlung und der Schilderung
der dramatischen Charaktere unberücksichtigt lassen dürfe— wenn dies Freytag meint, so dokumentiert dies seinerseits eine vollständige Verkennung der Aufgabe des dramatischen Dichters.— Er sagt weiter:„„Was in Wahrheit dramatisch ist““— aber das ist ja eben die Frage!—,„„das wirkt in ernster, starkbewegter
Handlung tragisch, wenn der ein Mann war, der es schrieb, wo nicht, zuverlässig nicht.““ Und wirkt, was in Wahrheit dramatisch ist, in„„ernster, starkbewegter Handlung““ etwa nicht tragisch, wenn der, der es schrieb, in dem Freytagschen Sinne„„kein Mann““*, d. h. kein tüchtiger Charakter war? Was besagt im Grunde diese so brav und ehrenwert klingende Phrase? Nichts als die Tautologie, dass„„das, was in Wahrheit dramatisch ist““, auch dramatisch wirkt und, wenn es„vin ernster, starkbewegter Handlung““ sich darstellt, tragisch. Und darum dieser Aufwand an moralisierenden Gedanken!“— Soweit Schassler. Hierzu möchte man freilich fragen: Warum dieser Aufwand an Satire? Die Freytagschen Ausserungen wollen wohl kaum etwas anderes enthalten, als einen Rat des Praktikers an den jungen Dramatiker. Es ist aber hinlänglich bekannt, dass dem letzteren oft als erste und eifrigste Sorge zu beunruhigen pflegt, ob der er- wühlte, in seiner Seele bereits dramatisch umgebildete Stoff auch tragische Wirkung zurücklassen wird. Aus dieser mit Recht angelegentlichsten Sorge kann ihn auch das fleissigste Studium des ästhetischen, so verschieden definierten Begriffs des Tragischen nicht retten; ja, man kann wohl behaupten, dass der junge Dichter, der sich zu sehr durch die Theorie der Kunst beeinflussen lässt, seine dramatische Kraft eher lähmt als fördert, so wenig damit behauptet werden soll, dass er über allgemein giltige Regeln z. B. der Gkonomie des Dramas sich ungestraft hinwegsetzen kann. Nicht mit Unrecht sagt Solger a. a. O. p. 43: „Schillers Bestreben, über die Kunst zu reflektieren, welches er schon früh zeigte, hat keinen günstigen Einfluss auf seine poetischen Werke geübt, was besonders in seinen späteren Tragödien sichtbar wird, in denen er seine Theorie auszudrücken sucht.“ Der Praktiker Freytag konnte in der That dem jungen Dichter keinen besseren Rat geben als den, sich selbst, bevor er Menschen zu schildern versucht, zum Menschen, zum Mann zu erziehen. Im Drama, das grosse Charaktere darzustellen hat, wird es mehr als bei irgend einer andern Kunstschöpfung darauf ankommen, dass der Schaffende selbst grosse Gesinnung habe, besonders aber des herzhaften, männlichen Sinnes nicht entbehre, der allein das Tragische nicht scheut. R. Hiecke in seiner vortrefflichen Abhandlung über Goethes Tasso hat gezeigt, wie der Dichter ohne Charakter- bildung verloren sei:„Der moderne Dichter hat gerade dadurch eine höchst schwierige Stellung, dass für die unmittelbare Wahrnehmung, an welche der Dichter zunächst gewiesen ist, die Wirklichkeit so selten sich gross und würdig genug darstellt. Aber der Dichter von starker Empfindung, von nicht bloss edlem Gemüt, sondern grosser Gesinnung(und diese erwirbt man sich doch wohl nicht durch das Studium ästhetischer Schriften? d. Verf.), lässt sich dadurch nicht irren; er dichtet, als ob seine Zeit gross wäre, oder richtiger zu sprechen, er erschaut mit tiefem Blicke durch alle Umhüllung ihres Kleingetriebes hindurch das Grosse, dass auch in ihrem Innern das wahrhaft Wirksame ist; er erzieht sich selbst und macht sich dadurch fühig und würdig, auch seine Mit- und Nachwelt zu erziehen.“— Worauf beruht die gewaltige Wirkung des Faust anders, als weil sie das Produkt eines Dichters ist, dessen ganze menschliche Persön- lichkeit in ihrer Entwicklung, umfassenden Bildung und Weltanschauung darin sich so vollkommen wieder- spiegelt? Der Sinn von Freytags Worten ist klar: nur der, der ein Mann ist, wird im stande sein, einen dramatischen Stoff in ernster, starkbewegter Handlung zu führen, d. h. tragisch zu gestalten. Man müsste eine Analyse des Genies geben, um zu zeigen, dass Freytag mit sehr dürren Worten eine psychologische Wahrheit ausgesprochen hat. Allerdings besitzt das Genie ausser hoher Einbildungskraft eine der letzteren ebenbürtige Urteilskraft; wer z. B. zum grossen Dichter heranreift, wird in demselben Masse auch ein grosser Denker— die Lessingsche Kritik in der Dramaturgie ist zum Teile geradezu die Beweisführung dieses Satzes. Jedoch ohne dass dritte, ohne mächtige Willenskraft— diese aber wurzelt in der Gesinnung, in dem Charakter— ist das schöpferische Genie undenkbar. Der mächtige Wille Setzt dasselbe in den Stand, was die Einbildungskraft ihm eingegeben, lebendig zu gestalten. Erst mit der fortschreitenden Produktion wächst seine ästhetische Einsicht; Schiller in seinen Dramen ist auch hierfür das beste Beispiel.


