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wird gezeigt, was Schiller in dem Gedichte Das Mädehen von Orleans ausspricht: Das edle Bild der Mensch- heit zu verhölhmnen, im tiefsten Staube wälzte dich der Spott(Str. 1);Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabne in den Staub zu ziehn(Str. 3). Aber nicht nur von aussen her wird die Wahrheit der göttlichen Mission der Jungfrau verkannt und übel gedeutet, sie selbst muss, indem sie einige Zeit der Sinnlichkeit verfällt und dem Zweifel an ihrer himmlischen Sendung Raum giebt, diesem„Geset⸗ des Universums“ sich unterwerfen.
b)„Das Tragische der einfachen Schuld“(Vischer a. a. O. I, 305).„Die Schuld steht mit dem Streben des Helden nicht in dem organischen Verhältnis, wie sich dies in der dritten Form(im Tragischen des sittlichen Konfliktes) zeigen wird. Subjektiv aber soll womöglich ein innerer Zusammenhang sein.“
K. u. L. Durch die Abfassung des Briefes und Ablegung des Eides zeigt Luise eine fast un- begreifliche Leichtgläubigkeit. Darin liegt ihre Schuld; aber ihre aufrichtige, rückhaltslose Liebe bleibt, davon unberührt. Nur subjektiv besteht der innere Zusammenhang: Luisens Leichtgläubigkeit ist eine Folge ihrer Erziehung in beschränkten Verhältnissen; infolge dessen kann sie auch leicht das Opfer jeder anderen Intrigue werden. B. v. M. Beatrice ist in Weltabgeschiedenheit aufgewachsen und erzogen. Dadurch, dass sie dem nach seiner Herkunft ihr unbekannten Geliebten nach Messina folgt, wird sie schuldig und absichtslos die Ursache der traurigen Lösung des Bruderzwistes. Aber der Klösterliche Aufenthalt, noch dazu unter geheimnisvollen Umständen, ist nicht geeignet, die Regungen des weiblichen Herzens bei dem Fürstenkinde aufzuhalten, sondern wird sie vielmehr beschleunigen, sodass es, sobald nur die Wellen der Aussenwelt bis zur Klosterpforte dringen, auch auf andere Weise leicht die Beute eines verhängnisvollen Schicksals werden konnte.
c)„Das Tragische des sittlichen Konfliktes.“ Vischer unterscheidet hierbei zwei Fälle: erstens„nur einer trägt den Kampf im Busen“, zweitens„der Konflfikt ist klar an zwei Kümpfer verteilt“. Aus allen Dramen wird der Schüler, namentlich für den zweiten Fall, die Belege finden, und eine ihm zu diesem Zwecke gestellte Aufgabe ist ebenso anregend als lehrreich. ad I: R. Karl Moors reuiges Herz und die ihm zu teil gewordene schnöde Abweisung im Anfang seiner Laufbahn. K. à. L. Luisens Verzweiflung: das treue Verhältnis zum Geliebten und das durch dasselbe herbeigeführte Unglück des Vaters. D. C. Posas Kampf: Pflicht gegen den Freund und gegen das gerade von diesem bedrohte Freiheitsideal. Wlst. Der durch die Liebe zu Thekla herbeigeführte seelische Prozess Maxens: auf der einen Seite der intriguierende, auf der andern der geliebte, aber wegen seiner Verräterei von ihm verlassene Feldherr. M. t. Das schuldbeladene Ge- wissen der Stuart, das sie zur Ergebung in ihr Schicksal kategorisch auffordert, und das ihr in England widerfahrene, ihr ganzes Gefühl empörende und fortwährend zur stolzen Erhebung herausfordernde Unrecht. J. v. O. Widerstreit in Johannas Doppelwesen zwischen ihrem göttlichen Berufe und ihrer weiblichen Natur. Tl. Der Konflikt der Liebe zum Vaterlande und der Liebe zu der scheinbar auf seiten des Feindes stehen- den Geliebten bei Rudenz.— ad II:„Der Konflikt ist klar an zwei Kämpfer verteilt“ in. Fiesko als Vertreter des monarchischen, Verrina des demokratischen Prinzips. Doch bietet, wie oben bemerkt, jedes Drama zu beiden Fällen mehrere Beispiele.
Auch G. Freytag a. a. O. p. 74 hat die Prage aufgeworfen:„Was ist tragisch?“ Die Beantwortung derselben ist Gegenstand des Angriffs geworden in der Schrift:„Das System der Künste“ von M. Schassler (Leipzig 1882). p. 159 heisst es daselbst:„Wenn die Beantwortung der Frage, was„„dramatisch““ sei, bei Freytag nur an gedanklicher Unklarheit leidet, so frappiert die der anderen, was„„tragisch““ sei, durch ihre— gerade heraus gesagt— fast philisterhafte Einseitigkeit. Denn falls man es auch einem Praktiker, wie Freytag es als ausgezeichneter Romanschriftsteller und dramatischer Dichter ohne Zweifel ist, allenfalls noch nachsehen wollte, wenn er die Ausdrücke„„tragische Schuld, innere Reinigung, poetische Gerechtigkeit““ u. s. f. als„„bequeme Schlagwörter der Kritik, bei denen man so Verschiedenes denken könne,““ bezeichnet (obschon doch auch dergleichen für einen Schriftsteller, der über die Technik des Dramas eine wissenschaft- liche Arbeit veröffentlicht, ziemlich unwissenschaftlich klingt), so enthält seine Ansicht, dass„„offenbar der- jenige am besten das Schicksal seines Helden leiten werde, der in seinem eigenen Leben hohe Bildung, umfassende Menschenkenntnis und einen männlichen Charakter entwickelt hat,““ seinerseits eine so auffallende Unkenntnis der Menschennatur, dass man füglich darüber erstaunt sein muss. Dramatische Dichter, wie er sie schildert, mögen wohl— um mit Shakespeare zu reden—„gute Leute“ sein, aber sicherlich, wenn sie sich auf diese ehrenwerten Eigenschaften beschränken, auch„schlechte Musikanten“. Dieser philiströsen (wir finden kein bezeichnendes Wort dafür) Auffassung gemäss giebt denn Freytag dem Dichter den be- denklichen Rat, dass er„„darum, wie eine Handlung tragisch zu gestalten sei, wenig sorgen““ solle, er möge


