5
ein Jüngling von so feurigem Wesen und schrankenloser Thatenlust kann auch nicht, etwa durch eine Mittelsperson, mit flehentlichen Bitten und Vorstellungen nochmals seinen Zweck beim Vater zu er- reichen suchen, sondern muss aufbrausen in wilder Leidenschaft, ja, er erscheint in dieser gegenüber dem herzlosen Bruder erst der Liebe zu Amalien würdig. K.. L. Ein Liebhaber, der, nachdem die vorgebrachten Beweise die Untreue der Geliebten anscheinend bestätigen, kühl und besonnen überlegt, der Treulosen den Rücken kehrt, war sicher auch einer alle menschlichen Vorurteile besiegenden Neigung unfähig; wer aber so leidenschaftlich lieben konnte, wird allerdings dann nur noch in Mord und Selbstmord die Rettung er- blicken. F. Fiesko wird zum Verräter an der republikanischen Freiheit; aber eine so ehrgeizige, in Intriguen und Verstellung wohl erfahrene Persönlichkeit konnte auch ihr Retter nicht werden, und da die reinen, selbst- losen Motive des Handelns fehlen, kann auch Fiesko am Schlusse unmöglich entsagen(dies geschieht be- kanntlich in der Mannheimer Theaterbearbeitung), D. C. Die Liebe des Infanten zu seiner zweiten Mutter ist ein Verbrechen; aber sobald man hört, dass er Elisabeth vor ihrer Ehe mit Philipp, d. h. ehe sie poli- tischer Rücksicht geopfert wurde, liebte, erscheint seine Schuld in milderem Lichte. Der Sohn vergeht sich ferner gegen den Vater, indem er sich diesem feindselig entfremdet; wie kann aber die fromme Liebe des Kindes gedeihen, nachdem Philipp so schwer in die Rechte des Herzens eingegriffen hat? Von Posa endlich übernimmt Carlos eine Mission, die ihm den offenen Aufruhr gegen den König gebietet; muss aber nicht, eine menschliche Natur, in welcher innerer Aufruhr, geweckt durch die despotische Laune des Monarchen und genährt durch eine verzehrende Leidenschaft, solange getobt hat, vor Begier brennen, sich endlich einmal thatkräftig zu äussern? Wlst. Wallenstein verrät den Kaiser, aber ein Feldherrngenie und Abgott des Lagers wie er kann nimmermehr die falsche und kleinliche Staatskunst des österreichischen Hofes sich zur Richtschnur nehmen, sondern wird vielmehr, da ihm auch ein ehrgeiziges, rachsüchtiges Herz dazu an- treibt, sich gegen dieselbe auflehnen müssen, ja selbst zu dem YVerrat seine Zuflucht nehmen, der dann zwar noch immer als das schwerste Verbrechen erscheint, aber doch zugleich eine einfache Wirkung von Ursachen ist, für die man den Verräter selbst kaum verantwortlich machen kann. M. Sl. Mortimers toll- kühnes Unternehmen beschleunigt nur die Verurteilung der Stuart. Aber muss eine in so leidenschaftlicher Liebe ganz befangene und edelangelegte Natur nicht eine kühne, ritterliche That ersinnen zur Befreiung der unschuldiger Weise in gewaltsamer Freiheitsberaubung schmachtenden Königin?
Vischer unterscheidet ferner drei Formen des Tragischen. a)„Das Tragische als Gesetz des Uni- versums.“ I, 301 flg.:„Man erinnere sich nur hier an das allgemeine Gefühl, das durch frühen Untergang der Schönheit, der Macht, des Reichtums erregt wird, und das Schiller in seiner Nänie niedergelegt hat:
auch das Schöne muss sterben.“„Die Griechen kannten wohl ein höheres tragisches Gesetz, aber sie mussten sich, da ihre Religion Naturreligion war, für diese Erscheinung, das Natur-Tragische, besonders interessieren“ (Neid der Götter!).—
Ohne Schwierigkeit wird der Schüler gerade aus Schillers Dramen die Beispiele herausfinden, in denen diese Form des Tragischen ausgesprochen liegt. So erscheinen die lichtvollen Gestalten Max und Thekla, sowie ihr Verhältnis zueinander von vornherein der Unerbittlichkeit jenes Gesetzes unterstellt, ihre Herzen sind fortwährend von dem Gedanken daran erfüllt, und Thekla leiht diesen Empfindungen beredten Ausdruck: Es lockt mich durch die himmlische Gestalt, ich seh' sie nah und seh' sie näher schoeben, es eieht mich fort mit göttlicher Gewalt, dem Abgrund zu, ich kann nicht widerstreben(Picc. III, 9); besonders aber Wäst. Td. IV, 12: Du standest an dem Eingang in die Welt— bis: Da kommt das Schichsa!l— roh und kalt fasst es des Freundes zärtliche Gestalt und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde— das ist das Los des Schönen auf der Erde.— Sehr bezeichnend sind in dieser Beziehung einige Stellen in den Chören“ der B. v. M.: Lasset erschallen die Stimme der Klage! Holder Tüngling! Da liegt er entseelt, hingestrecket in der Blüte der Tage, schawer umfangen von Todesnacht, an der Schwelle der bräutlichen Kammer(III, 5)!— In sein stugisches Boot raffet der Tod auch der Jugend blühendes Leben(IV, 4)!— Auch in der J. v. O.
4) Auf die Entwickelung der Chorlieder ist hier durchweg, da die Arbeit sich nur mit der Organisation der Handlung beschäftigen konnte, nicht Rücksicht genommen worden. Die Kritik über Schillers Chöre ist ent- weder sehr lobend, oder auch sehr absprechend ausgefallen, wie zuletzt Arnoldt:„Uber Schillers Auffassung und Verwertung des antiken Chores in der B. v. M.“(Progr. des Kneiphöf. Stadt-Gymn. 1885) ausgeführt hat. Gegen- über manchen schr gesuchten Einwänden behauptet Arnold daselbst mit Recht:„Auch einem antiken Dramatiker war es vergönnt, durch die Macht seiner persönlichen Erbindungskraft die alte Tradition zu durchbrechen und ihr eine neue Richtung zu geben: und dass Schiller, wenn er im alten Athen um den Siegeskranz gekämpft hätte, zu den schöpferischen und reformatorischen Köpfen gehört haben würde, wer wollte es bezweifeln?


