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klärt, d. h. ihre inneren Beweggründe dem Zuschauer eindringlich werden(vgl. 1. Stück:„Die Leiden- schaften nicht beschreiben— bis: vergebens sich martert“; 48. Stück:„Für den Zuschauer muss alles— bis: was noch vorgehen soll“). 6. Denn da die Wirkung der Kunst überhaupt auf Naturgesetzen beruht,
indem sie die menschlichen Affekte erregt, muss auch die Tragödie, welche die höchste(nämlich tragische) Wirkung bezweckt, sich an diese wenden, nämlich an den mächtigsten Affekt: das Mitleid(vgl. 77. Stück:
„Es pleibt eine vollkommene— bis: erregt“). 7. Zwar sagt Aristoteles:„die Tragödie ist die Nachahmung einer Handlung, die nicht vermittelst der Erzäühlung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und dergleichen Leidenschaften bewirkt.“ Lessing aber sucht nachzuweisen, dass bei Ari- stoteles Mitleid und Furcht ein Begriff sind, die Franzosen also Unrecht haben, wenn sie darunter zwei verschiedene Begriffe verstehen(vgl. 75. Stück:„Seine Furcht ist durchaus nicht— bis: diese Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid“). 8. Diese in den obengenannten Sätzen enthaltene, das Wesen des Tragischen wunderbar erschliessende Entdeckung wird von Lessing durch eine scharfsinnige Auffassung des Aristoteles weiter ausgeführt, den die Franzosen auch in diesem Punkte nicht verstanden(vgl. 75. Stück: „Es beruht aber alles— bis: wenn es uns selbst bevorstände“; 76. Stück:„Wenn nach seiner Lehre kein Übel— bis: sondern andern begegnen sehen“; 81. Stück:„Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen. Corneille sagt— Jis: die Franzosen thun es ihm nach“). 9. Einen zweiten schweren Irrtum,, welcher die Entstehung einer wahren Tragödie verhinderte, begeht die französische Kritik, wenn sie in dem erwähnten Satz des Aristoteles(siehe Punkt 7) die Worte:„die Reinigung dieser und dergleichen Leiden- schaften bewirkt“, dahin erklärt, die Tragödie solle alle Leidenschaften ohne Unterschied reinigen(vgl. 77. Stück: Toον τοοντνν Teonfendn sagt Aristoteles— bis: ihre eigentliche Bestimmung“). 10. Das Wesen des Tragischen, das Aristoteles vollkommen erfasst hat, ruht auf unabänderlichen Gesetzen(vgl. 100— 104. Stück:
„Indes stehe ich nicht an zu bekennen(und sollte ich in diesen erleuchteten Zeiten auch darüber ausge-
lacht werden!), dass ich sie(Aristoteles' Poetik) für ein ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Puklides nur immer sind. Ihre Grundsätze sind ebenso wahr und gewiss, nur freilich nicht so fasslich und daher mehr der Chikane ausgesetzt, als alles, was diese enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragödie, als über die uns die Zeit so ziemlich alles daraus gönnen wollen, unwidersprechlich zu be- weisen, dass sie sich von der Richischnur des Aristoteles keinen Schritt entfernen kann, ohne sich eben so weit von ihrer Vollkommenheit zu entfernen“). 11. Es ist eine Entweihung der tragischen Kunst, wenn man sie von jener(Aristoteles!) Auffassung entfernt. Besser keine Tragödie, als eine solche, die der höchsten Wirkung(vermittelst des Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und derartiger Leidenschaften zu bewirken) unfdhig ist(vgl. 80. Stück:„Wozu die saure Arbeit der dramatischen Form— bis: hervorbringen würde“).— Lessings tiefe ästhetische Einsicht in das Wesen des Tragischen werden auch folgende Stellen
aus dem Laokoon am deutlichsten zeigen. 1. Allgemeine Begriffsbestimmung:„Alles Stoische— bis: deutliche Vorstellung ausschliesst“(1. Abschnitt). 2. Warum die Römer keine Tragödie haben. Cicero im 2. B. der Tusc. Fragen über die Erduldung des körperlichen Schmerzes:„seine Ausfälle machen den Ein-
druck, als habe er einen Gladiator abrichten wollen.“ Die Senecaschen Tragödien:„Sie(die Dichter) müssen sie(die Helden) klagen lassen— bis: Rotomontaden verfallen“(IV. Abschnitt). 3. In gleicher Weise verfuhren die Franzosen; sie sind nicht Schüler der griechischen Tragiker, sondern des Seneca; die Helden der französischen Tragödie sind daher nur sterbende Fechter, keine tragischen Helden:„Doch sei unsern artigen Nachbarn— bis: Bühne bleiben würden(I. Abschnitt, vgl. auch IV. Abschnitt: der Philoktet von Sophokles und der des Chateaubrun).“
Bei der Erklärung des Begriffs des Tragischen, soweit dieselbe bei der Lektüre von Dramen in der Schule nicht zu umgehen ist, können ferner noch folgende Stellen zu Grunde gelegt werden. Hegel, Asthetik Bd. 3 p. 553(s. a. Vischer a. a. O. I, 287):„Man könnte ihm(dem Helden) nichts Schlimmeres nachsagen, als dass er unschuldig gehandelt habe. Es ist die Ehre grosser Charaktere, schuldig zu sein... die tragischen Heroen sind ebenso schuldig als unschuldig.“ Vischer a. a. O. I, 280:„Man vergegenwürtige sich zum voraus, wie im Tragischen das herrschende Sittengesetz sich mit einem Naturgesetz geheimnisvoll durchdringt: das Vergehen ist Schuld, und doch sagen wir, dass der Schuldige mit diesen Nerven, diesem Temperament u. s. w. nicht anders handeln kann.“ I, 287:„Die tragische Handlung muss daher immer so beschaffen sein, dass man sieht: der Held hat gefehlt, und er konnte doch nicht anders handeln.“
Der Schüler selbst versuche zu diesen allgemeinen Sätzen die Anwendung zu bringen. z. B. R. Karl Moor vergisst nach dem Lesen des Briefes ohne weiteres Vaterhaus und Geliebte und wird von dem einen Gedanken, sich an der Menschheit zu rächen, beherrscht; dadurch nimmt er eine furchtbare Schuld auf sich; aber


