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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 2. Teil / von Hermann Unbescheid
Entstehung
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unhaltbar ist: Wenn die Unlust über die Ursache eines Unglüchs zu stark wird, so schwächt sie unser Mitleid mit demjenigen, der es erleidet. Zwei ganz verschiedene Empfindungen können nicht zu gleicher Zeit in einem hohen Grade in dem Gemlte vorhanden sein. Der Unwille über den Urheber des Leidens wird zum herrschenden Affelt, und jedes andere Gefühl muss ihm weichen. So schwdcht es jederzeit unsern Anteil, we᷑nn sich der Unglückliche, den wir bemitleiden sollen, aus eigner unverzeihlicher Schuld in sein Verderben gestürzt hat, oder sich aus Schudiche des Verstandes und aus Kleinmut nicht, da er es doch könnte, aus demselben zu ziehen zceiss(Schiller, über d. tragische Kunst, hist.-krit. Ausgabe von Goedeke, NX. p. 24).

Wenn irgendwo, so ist hier der Ort, den Schüler mit einigen Hauptgedanken Lessings, durch welche die falsche Ansichten zerstörende und zugleich aufbauende Kritik des grossen Dichters und Denkers in Bezug auf tragische Kunst besonders dargethan wird, praktisch, d. h. am Beispiel bekannt zu machen. Denn gegen vollständige Lektüre der hierbei in Betracht kommenden Schriften, Laokoon und Hamburger Dramaturgie, in der Schule ist oft und mit Recht Bedenken erhoben worden. Wenn aber die Wirkungen eines bestimmten Dramas von dem Lernenden empfunden werden und durch die Besprechung des Lehrers ihm zum Bewusstsein kommen, werden die theoretischen Sätze Lessings für ihn nicht mehr in der Luft schweben, sondern Anschaulichkeit gewinnen. Dass Lessings Interpretation des Aristoteles in der Hamburger Drama- turgie durch Jacob Bernays:Grundzüge der verlorenen Abhandlung des Aristoteles über Wirkung der Tra- gödie(Sonderausgabe Breslau 1857, wiederabgedr. in: Die Aristotelische Theorie über das Drama, Abhandl. 1, Berlin 1880) in vielen Punkten angegriffen worden ist, muss natürlich bei dieser Arbeit, die rein päda- gogische Zwecke verfolgt, unberücksichtigt bleiben. Für die Schule hat das schöne Wort Gervinus', das F. Schröter und R. Thiele ihrer ausgezeichneten Ausgabe der Hamburger Dramaturgie vorangestellt haben, noch volle Berechtigung:Ich kenne kein Buch, bei dem ein deutsches Gemüt über den Widerschein echt deutscher Natur, Tiefe der Erkenntnis, Gesundheit des Kopfes, Energie des Charakters, Reinheit des Ge- schmacks innigere Freude und gerechtfertigteren Stolz empfinden dürfte, als Lessings Hamburgische Drama- turgie. Wenn aber dennoch im folgenden verschiedenartige Erklärungen des Begriffs und der Wirkung des Tragischen nebeneinander gestellt werden, so geschieht dies einerseits, um dem Lehrer bequem Material zur Auswahl zu bieten, andererseits aber, um dadurch zu zeigen, innerhalb welcher Grenzen nach des Ver- fassers Meinung die Besprechung über das Wesen des Tragischen, die, weil sie ästhetisch bildend wirkt, nicht vermieden werden darf, in der Schule sich zu bewegen habe. Aus der Hamburger Dramaturgie lassen sich z. B. Lessings Entdeckungen in Bezug auf die dramatische Kunst in folgende Sätze übersichtlich zusammen- fassen und mit dem Schüler bei der Lektüre eines Dramas teils bei Beginn der fallenden Handlung, teils am Schlusse der letzteren durchsprechen. 1. Das grosse Formgesetz des Dramas ist die Einheit der Hand- lung. Die französischen Tragiker haben die griechische Tragödie schlecht verstanden, wenn sie die Einheit des Ortes und die Einheit der Zeit nicht als einfache Konsequenzen dieses Formgesetzes auffassen(Lessing, vgl. 46. Stück:Da nämlich ihre Handlungen eine Menge Volks bis: gänzlich entsagt hatten, sowie das 44. und 45. Stück). 2. Die Einheit der Handlung wird hervorgebracht durch das Motivieren, d. h. dadurch, dass alles streng nach Ursache und Wirkung geschieht; dies vermag aber allein das dramatische Genie(vgl. 32. Stück:Der Poet findet in der Geschichte bis: zu entwickeln versteht, 30. Stück:Das Genie bis: zu verwandeln). 3. Es giebt noch ein anderes Kennzeichen des dramatischen Genies: der grosse Tragiker ist zugleich ein grosser Denker; als solcher erhebt er stets das Besondere in die Sphäre des Allgemeinen (vgl. 19. Stück:Es wird ohne Grund angenommen bis: den Nationalstolz zu nähren missbraucht). 4. Die Charaktere, welche ein solcher dramatischer Dichter zeichnet, sind daher vor allen Dingen wahr(vgl. 2. Stück:So überzeugt wir auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade sein mögen bis: hervorbringen können; sowie von den Worten:Ich weiss wohl, die Gesinnungen bis: gegen sich und andere damit prahlen; ferner 30. Stück:Dergleichen missgeschilderte Charaktere bis: was nicht wahr ist). 5. Wahrheit in der Charakterzeichnung wird aber nur dadurch erreicht, dass die Leidenschaften er-

nisse zu der mit ihm vereinigten Kraft der Leidenschaft heisst Pathos im positiven Sinne; p. 267:man denke an den gewaltigen sittlichen Zorn grosser Männer z. B. eines Luther; p. 268:mag das Leiden kommen, woher es will, von der blinden Kraft, von der Leidenschaft, vom schwankenden, bösen, oder sittlich stärkeren Willen: das Sub- jekt erkennt es als gut an... Dieses Schauspiel des sittlichen Willens, der sich in beiden bewährt, ist das negativ Pathetische; p. 269:Der innere Kampf des Subjekts mit sich, abgesehen von dem Gehalte jener Anerkennung, wird nun Gegenstand, ein Prozess, der sich in einem, sich zu sich selbst negativ verhaltenden Subjekte vollzieht, und dies ist das negativ Pathetische; p. 270:Jesus leidet um die Menschheit..In der Darstellung dieser negativen Form ist Schiller in seinem Elemente. 1*