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des Wesens des Tragischen, und zwar dgshalb, weil die hier notwendige Erklärung des technischen Aus- drucks„tragisches Moment“ von selbst auf den Begriff des Tragischen in der Kunsttheorie führen dürfte. Bei Schiller wird man nicht versäumen, wenigstens aus den beiden Abhandlungen, a) über die tragische Kunst, b) über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen, einige seine Ansicht besonders be- leuchtende Hauptsätze(z. B. nach der Inhaltsangabe dieser Aufsätze bei Braun:„Schiller und Goethe im Urteile über Zeitgenossen) zur Besprechung herauszugreifen, die freilich alsdann nur zeigen kann, dass er gar nicht, wie seine Absicht war, das Tragische erörtert hat, und dass seine Behauptung, der Held müsse schuldlos sein,
zur Charakter- oder Sittentragödie... Die schneidenden Konflikte der bürgerlichen Gesellschaft führen nicht not- wendig, aber doch entschieden drängend zu einer Behandlung, welche das Interesse an den prinzipiellen Konflikten des Rechts, des Herzens, der Ehre, des Anspruchs auf Glück und Besitz mit festgewurzelten Vorurteilen der Gesell- schaft, Einrichtungen, Vorrechten, Ständeunterschieden stärker betont, als das Interesse an den Charakteren und Leidenschaften: eine Form, die in der modernen Zeit zu grosser Bedeutung berufen ist. Schiller erhebt das bürger- liche Charakterstück durch K. u. L. in diese Sphäre.“ Die neuere Schicksalstragödie schliesst Vischer als eine Ver- irrung aus; p. 1426:„Ist es aber nicht logisch gefordert, dass auch eine Form unterschieden werde, die diesen Namen (Schicksalstragödie) ohne Tadel trägt? Wenn nach der Seite der Auffassung eingeteilt und danach eine Prinzipien- und Charaktertragödie unterschieden wird, so scheint ein dritter Fall übersehen, wo das Hauptgewicht auf den tragischen Gang der Handlung fällt. Die Alten hatten eine solche Gattung... Allein dieselbe kann nur in der Poesie des klassischen Altertums auftreten, und zwar deswegen, weil nur diese ein vorausgesetztes, neidisch auf- lauerndes, nicht aus der Handlung der Menschen sich entwickelndes Schicksal kennt. Was den Griechen normal war, ist uns abnorm, daher ist eine moderne Schicksalstragödie eine schlechte Tragödie.“ Dieser letzteren Be- hauptung gegenüber hat J. Duboc kürzlich in seiner Schrift: Die Tragik vom Standpunkte des Optimismus, mit Bezugnahme auf die moderne Tragödie(Hamburg, Grünings Verlag 1886) gezeigt, wie die Schicksalstragödie zur Weltordnungstragödie werden kann. p. 102:„Das Wesen des tragischen Eindrucks ist transcendenter Natur, und dies Verhältnis steigert sich noch in der sogenannten Schicksalstragödie. Der alte Begriff der Schicksals- tragödie ist für die Auffassung der Neuzeit, welche in den Charakter des Menschen sein Schicksal verlegt, ver- plasst, aber er baut sich neu wieder auf angesichts der Thatsache, dass wir alle in den Schicksalsgang der Welt eingeflochten, alle in diesem erweiterten kosmischen Sinn Schicksalsträger sind. Indem wir den Charakter des Menschen als sein Schicksal ansehen, verliert dasselbe den alten Sinn einer weltbewegenden Potenz, es schrumpft gewissermassen auf die Privatsphäre des Individuums zusammen. Erst wenn diese überschritten und der Blick wiederum auf die Gesetze und den Zusammenhang der Weltentwickelung gerichtet wird, ersteht die Schick- salstragödie neu(Weltordnungstragödie).“ Uber die Tragödie von heute(s. a. a. O. Nachtrag: Bulhaupts„Malteser“; Wildenbruchs„Karolinger“,„Mennonit“,„Ch. Marlow“; Fitgers„Hexe“; K. Köslings„Zwei Könige“; Heyses einaktige Trauerspiele) heisst es daselbst p. 102:„Wird in der Kunst die Tendenz statt auf Erhebung überwiegend auf das Packende, auf Spannung, Genuss der Aufregung, des Schmerzes, Phantasiekitzel u. s. w. gerichtet, wird die Spannung von ihrer sehr wichtigen Stelle als dienendes Moment der Steigerung, wo dieselbe durch die Natur des Stoffes oder der Behandlung bedingt ist, hinweg und an die oberste Stelle gerückt, in mehr oder minder beabsichtigter und ausge- prägter Weise zum eigentlichen Zweck gemacht, so entsteht der Abfall, als dessen schlimmstes Erzeugnis die sensationelle Behandlung des Tragischen, resp. die pikante Tragödie zu gelten hat, wie sie die moderne Kunst vielfach aufweist.“— Man versäume übrigens nicht, das gelesene Stück den Schüler auch nach dem zweiten Ein- teilungsmoment(Auffassung des Stoffes) pestimmen zu lassen. Wie K. u. L. so sind auch die R. eine Charakter- (Sitten-) Tragödie: sie geben ein Bild der sofort eintretenden gesetzlosen Zustände, sobald nämlich der einzelne wagt der waltenden Vorsehung vorzugreifen. Prinzipientragödien sind ausser Wäst. u. M. St.(s. oben) F.: in diesem Stücke kämpft das monarchische Prinzip mit der republikanischen Verfassung, D. G.: das durch Posa vertretene Recht des Staatsbürgers mit dem despotischen Willen Philipps II; der Infant dagegen ist eine von den oben erwähnten, „weichen, passiven Naturen“; er erhält seine„tragische Würde“ durch seine unglückliche Liebe zu seiner ihm vor ihrer Verheiratung zur Gattin bestimmten Mutter, durch seine schwärmerische Freundschaft zu Posa, durch seine Arglosigkeit, mit der er sich der Eboli in die Arme wirft, vor allem aber dadurch, dass er sich zuletzt durch die Ubernahme der ihm angetragenen Mission aus der Sphäre der Leidenschaft erhebt, J.». O.: Darstellung des unaus- bleiblichen Konflikts, in den frommer Glaube und reinste Gottesbegeisterung bei der Berührung mit der Welt kommt, in Tl. streiten die selbst den heiligen Herd der Familie arg bedrohenden dynastischen Gelüste mit den unveränder- lichen, unzerbrechlichen Rechten eines freiheitliebenden Volkes. B. v. M. ist zwar eine Schicksalstragödie; da aber das über den Personen des Stückes schwebende und sie zermalmende Schicksal nicht das Fatum der Alten, welches über Götter und Menschen unabänderlich waltet, sondern die Wirkung eines alten Fluches ist, den der Ahnherr des Fürstengeschlechts von Messina über ein sündiges Ehebündnis ausgesprochen hat, und das treibende Element in dem durch Eifersucht wieder entzündeten Bruderhass beruht,„so neigt das Stück ebenso zu der Charakter- wie Prinzipientragödie(s. oben M. Sl.).“
3) Schiller hat, wie Vischer a. a. O. I, 275 nachweist, in der Meinung das Tragische zu behandeln, das negativ Pathetische dargestellt. Die Schillersche Begriffsbestimmung wurde dann von W. Schlegel(Vorl. über dram. Kunst und Litteratur, 3. Vorl.) aufgenommen und erst durch Solgers Kritik wieder zerstört(vgl. auch Solgers Ansicht über die anderen ästhetischen Schriften Schillers: Solger, Vorl. über Asthetik, ed. Heyse, Leipzig 1829). Der Ausdruck Pathos, übrigens einer der wenigen Begriffe, die aus der Wissenschaft des Schönen auch dem Schüler in der Lektüre- stunde mit leichter Mühe zur Klarheit gebracht werden können, bedarf allerdings zuvor der Definition. Vischer a. a. 0O. O. I, 257:„Pathos ist Leidenschaft für einen sittlichen Zweck“; p. 265:„der gute Wille im positiven Verhält-


