Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre. II.
Von
Oberlehrer Hermann Unbescheid.
Zu den ältesten und zugleich anregendsten Untersuchungen auf kunstphilosophischem Gebiete gehört unstreitig die über das Wesen der tragischen Kunst. Aber noch immer nicht, seit Aristoteles seine Poetik schrieb, bis auf diese Tage, hat eine genaue Erklärung derselben gegeben werden können, ja es ist viel- leicht eins der schönen Vorrechte dieser Muse vor den Schwestern, dass sie, die nach der Abbildung der Alten in sehr bezeichnender Weise den mit Epheu gekrönten Schleier trägt, ihrer innersten Natur nach dem grübelnden Verstande ein ewiges Geheimnis bleiben muss, welches sie nur dem zu ihrem Liebling gewor- denen Dichter zu lüften bereit ist.— In der Schule wird man erst recht verzichten müssen, von dem Begriff des Tragischen, etwa nach dem Vorgange einiger Asthetiker, eine Analyse zu geben, die wohl innerhalb eingehender wissenschaftlicher Erörterungen, aber nicht getrennt von diesen, als verständliches Resultat erscheint. Gleichwohl wird man der Beantwortung der Frage nach gewissen eigentümlichen Merk- malen, besonders aber der Wirkung der tragischen Kunst nicht gänzlich aus dem Wege gehen dürfen, am wenigsten bei der hier vorgeschlagenen Behandlung der Lektüre, die durch die Kenntnis der Gesetzel auch den Geist des dramatischen Kunstwerks dem Schüler erschliessen will(vgl. Progr. I p. 1 flg.). Gerade der Anfang der fallenden Handlung der Tragödie? erscheint als die geeignete Stelle zur kurzen Erörterung
1) Sehr treffend bezeichnet W. Schrader Aufgabe und Methode der höheren Schule in der„Erziehungs- und Unterrichtslehre für Gymnasien und Realschulen“, 4. Aufl. 1882 p. 6 flg.:„Die höheren Schulen wenden sich überall von der Phatsache zur Begründung derselben, von der Erscheinung zum Gesetze, sie entkleiden den Bildungsinhalt seiner stofflichen Schwere und vergeistigen denselben zur allgemeinen und durchsichtigen Form. Indem sie hierdurch die Verwandtschaft zwischen dem Inhalt der Wissenschaft und dem eigenen Geistesleben des Zöglings aufdecken, befähigen sie den letzteren, jenen Inhalt mit klarer Beherrschung in sich aufzunehmen, an demselben die eigene Geisteskraft zu entwickeln und mittels der erweiterten und vertieften Erkenntnisformen neuen Bildungsstoff in gleicher Weise zu bewältigen. Dieses Bewusstsein um das Gesetz ist das Eigentümliche der höheren Schulbildung...“
2) Was überall bequem zu lesen ist, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Dahin gehört die Ab- stammung des Wortes, die Entstehung und der Unterschied der Tragödie vom ernsten Drama, ferner der Nachweis, dass das deutsche Wort Trauerspiel den ästhetischen Charakter der Tragödie gar nicht genügend ausdrückt. Wohl aber ist hier, wo von den Wirkungen des Tragischen die Rede sein soll, auch der Platz, den Schüler auf die Arten der Tragödie aufmerksam zu machen. Th. Vischer, Asthetik III, 1421:„Für die Tragödie bildet den nächsten Einteilungsgrund der Unterschied des Stoffes. Derselbe ist entweder sagenhaft-heroisch oder historisch- politisch, wo dann prinzipielle Umwälzungen des Besteh enden durch gewaltige Charaktere den der Dichtungsart entsprechendsten Inhalt darbieten, oder er gehört dem bürgerlichen(wenn er soziale Fragen, Konflikte, die sich um die Einrichtung der Gesellschaft drehen, als dramatischen Inhalt mit sich bringt) und Privatleben an(rein- menschliche Stoffe, deren Interessen in den grossen Empfindungsmotiven der Liebe, Pietät, Freundschaft liegen). Historisch-politischer Hintergrund hebt die letztere Sphüre in die Nähe des ersteren.“ Historisch- politisch: F., D. C., (letzteres Stück gehört, soweit es Familiengemälde ist, gleichwie B. M. dem„Privatleben“ an), M. St., I. v. O., TI., bürgerlich: K. u. L.— p. 1423:„Das zweite Einteilungsmoment liegt in dem Unterschiede der Seite, von welcher der Stoff aufgefasst wird. Der Dichter legt das grössere Gewicht entweder auf den Konfiikt der ethischen Grundmotive an sich oder auf das Bild des Charakters und der Sitte: Gegensatz von Prinzipientragödie und Charakter- (Sitten ytragödie; der letztere kann jedoch auch ein relativer sein, sonst wäre entweder der Satz umgestossen, dass im Drama nicht der Charakter, sondern die Handlung das Wesentliche ist, oder umgekehrt: es würden sich Konflikte bekämpfen, die wie Platonische Ideen als Wesen für sich in der Luft schweben. Die Prinzipientragödie ruht auf Konflikten, die nach der Trennung, die in den menschlichen Dingen das ewig Zusammengehörige erfährt, wirklich unversöhnlich sind; aber die Einseitigkeit der Trennung muss in schroffen und heftigen Charakteren ihre lebendige Realität haben, sodass der Eindruck bleibt, bei grösserer Nachgiebigkeit würde allerdings der Konflikt sich schmerz- hafter lösen, nur fiele dann eben die Kraft der Einseitigkeit in den Charakteren und die Lösung wäre eine matte, schlaffe.“ p. 1424:„Wallenstein führt den Anspruch des genialen Felqherrn auf unbegrenzte Vollmacht im Kampf gegen das Recht der kaiserlichen Macht, dass aber durch kleinliche Überwachung zum halben Unrechte geworden ist“. p. 1427:„Weichen und passiven Naturen, leidenden Frauen, wenn sie Hauptpersonen sind, ist tragische Würde nur da- durch zu geben, dass ihnen umsomehr menschliche Teilnahme gesichert wird... So neigt M. St. von der Prinzipien-
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