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dem alle Gemüter aufs tiefste von der grossen Angelegenheit bewegt sind, schreitet doch die Handlung ruhig und getragen fort; gerade dadurch wird der stürmischer Leidenschaft fremde Charakter des Schweizer- volkes trefflich gekennzeichnet. Das ganze Vorhaben aber scheint als eine gewissermassen noch innerhalb gesetzlicher Schranken auszuführende That, als ein von der selbstbewussten Kraft und von dem auf un- antastbare Urkunden sich stützenden Rechtsbewusstsein hervorgerufener Akt der Notwehr. Der Dichter erreicht durch seine an epische Breite grenzende Durchführung, schon bei Eröffnung der Scene sehr be- merkbare Behaglichkeit in der Darstellung seinen Zweck vollkommen: den Zuhörer, der hier im eigentlichen Sinne des Wortes Zuschauer zugleich ist, darf schon im Anfang nicht das Gefühl beschleichen, dass die dem Volke fortgesetzt widerfahrene Kränkung sich jetzt in wilden, leidenschaftlichen Ausbrüchen Luft machen wird; aber er muss auch am Ende deutlich empfinden, dass alle von der habsburgischen Herr- schaft ersonnenen Demütigungen nicht die gesunde Volkskraft, die sich nunmehr zum Schutz der heiligsten Güter kampfesfreudig erheben muss, zu lühmen imstande gewesen sind. Und welche Reize der Natur der Dichter über diese Scenen zu breiten und mit ihren einzelnen Teilen innig zu verbinden verstand, bedarf kaum einer Andeutung: das seltsame und seltene Schauspiel eines Mondregenbogens,¹²³ das die Wichtigkeit der Angelegenheit, ferner die Nacht und die den See umgebenden Bergriesen, die die alpartige Bedrückung des Volkes durch die Tyrannen andeutet, endlich das auflodernde Feuer, an dem sich die Flamme der Freiheit entzündet, und die aufgehende Morgenröte, kurz bevor die Hände sich zum feierlichen Schwur erheben, zwingen zu hoher Bewunderung.— Die Handlung ¹²⁴ selbst gliedert sich wie folgt: 1. die Einleitung in drei Momenten: a) scharf hervortretendes Erscheinen der Unterwaldner unter Führung Melchthals; b) Melchthals Bericht ¹²5 an Stauffacher; c) Bewillkommnung der erschienenen Landleute. Zwischen dem ersten und zweiten Moment dieser Einleitung steht das Erscheinen der Schwyzer unter Stauffacher, nur durch die Losung bezeichnet; an das Ende des dritten Momentes schliesst sich das Erscheinen der Urner unter Walther Fürst,
Fragstellung des Erzbischofs auch glücklich belebt. Durch die Zeichen der Zustimmung(grosses Getôse in dem Saale aund dusserhalb desselben, Rufe: Krieg, Krieg!), durch das Hinwerfen des Stabes zur Herstellung der Ruhe wird der Höhenpunkt der Scene scharf hervorgehoben: auf die Beschuldigung des Vertragsbruches durch Sapieha folgt die Nichtigkeitserklärung jedes mit dem Zaren geschlossenen Vertrages durch Demetrius als Moskaus Majestät. Sapiehas Behauptung, das Ganze sei ein Werk des Betrugs, bildet die UÜberleitung zum Finale: Aufstand, tumul- tuarische Auflösung des Reichstags.— G. F. a. a. O. p. 206 giebt dagegen den Bau der Eröffnung folgendermassen an: „Auf eine kurze Einleitung folgt mit dem Eintritt des Demetrius die vierteilige Scene: 1. die Erzühlung des Demetrius; 2. Rekapitulation derselben durch den Erzbischof und die ersten Wellen, welche dadurch in der Versammlung auf- geregt werden; 3. die Bitte des Demetrius um Unterstützung und die Steigerung der Bewegung; 4. die Gegensprache und der Protest des Sapieha. Die Scene endigt mit Tumult und plötzlichem Abbruch. Durch ein kleines dramatisches Moment wird sie mit dem darauf folgenden Dialog zwischen dem König und Demetrius verbunden. Die Bewegungen der Nebenpersonen sind kurz und heftig, der Stimmführer wenige, ausser Demetrius ist nur der eine Protestierende kräftig von der Masse abgehoben. Man empfindet und erfährt, dass die Masse schon vorher gestimmt ist, die Er- zühlung des Demetrius bildet in ihrer schmuckvollen Ausführung den Hauptteil der Scene, wie dem ersten Akt ge- ziemt.“— Von den unvollendeten Stücken Schillers dürfte Demetrius zur Lektüre und Besprechung in der Schule sehr wohl geeignet sein, und zwar in der Bearbeitung von Gustav Kühne(1860, abgedruckt im Dresdner Schillerbuch), oder von Heinrich Laube; die übrigen Fragmente wird man füglich beiseite lassen müssen, da es an zweckmässigen Bearbeitungen fehlt. Es gehört seltene dramatische Kraft dazu, so verlockend die Aufgabe sein mag, einen von Schiller vielleicht aus guten Gründen zurückgelegten Stoff im Stile und Geiste des grossen Dichters zu behandeln. Ein rühmliches Werk ist die dem Verfasser bei Schluss dieser Arbeit bekannt gewordene, soeben im Druck erchienene Tragödie: die Malteser von H. Bulthaupt(Frankfurt a. M. 1884). In der Hauptidee schliesst sich der Dichter an Schillers Fragment an: Durch Gewalt und den Sieg des Herzens bringt der von Schuld selbst nicht freie Grossmeister seinem in Weltlust versunkenen und deshalb dem Verderben nahen geistlichen Orden zur strengen Pflicht und Lauterkeit der Gesinnung zurück und bereitet dadurch sich und den Seinen nach Bewältigung der Feinde einen sieg- verklärten Ausgang.— Um den letzteren zu verherrlichen, fühlte sich Schiller besonders zu dem Stoffe hingezogen. Das Verhältnis des Maltesers St. Priest(Schiller sagt von ihm: er gleicht an Gestalt und Tapferkeit einem jugend- lichen Rinaldo) zu Renée scheint dem Verfasser ein besonders glücklicher Fund Bulthaupts. St. Priest wird durch seine Liebe anfangs in eine ähnliche Befangenheit versetzt, wie Johanna in der J. v. O. bei der Begegnung mit Lionel. Die heldenmütige Begeisterung und der Tod Renées sind, mit leisen Anklängen an den Ausgang Johannas, mit er- greifender Schönheit geschildert.
123) D. Tl. 172 vermisst die Beziehung zu dem zu schliessenden Bunde etc.
124) Mit Benutzung der von G. F. a. o. O. p. 205 flg. gegebenen Analyse der Rütliscene.„Nicht weniger schön ist die Behandlung der zahlreichen Nebenfiguren, das selbständige Eingreifen der einzelnen kleinen Rollen, welche in ihrer Bedeutung für die Scene mit einer gewissen republikanischen Gleichberechtigung neben einander stehen.“
125) D. 173. Vielleicht bliebe diese vorläufige Erwähnung des Vaters, zu welcher die später folgende nicht ganz stimmt, und die auch gefühlvoller ausgeführt sein könnte, besser weg.— 175. Ich awar zu Sarnen und besah die Burg— eine überkecke Kühnheit. Melchthal kann durch die Dirne auf Sarnen Näheres erfahren.


